Empfehlungen basierend auf "Service"
Based on your reading history, we think you will also enjoy the following books.
von Simone Meier
»Simone Meier hat einen packenden Künstlerroman geschrieben, in dem die Kunst Sprache wird und die Sprache Kunst... ein großartiges Buch.« Clementine Skorpil, Die Presse am Sonntag, 24.03.2024
von Franziska Gänsler
»Die Bilder, die Franziska Gänsler aufruft, sind so einprägsam, dass man es fast wie einen Film vor sich ablaufen sieht (...) Die Trauer um die Mutter und die Schwester schwingt in jedem Satz mit, und trotzdem ist es ein ganz flirrend leichter Roman. Ich musste die 208 Seiten in einem Zug durchschwimmen und würde das Buch jedem ans Herz legen, der emotionale Wärme sucht. Am Schluss lässt Franziska Gänsler alles ganz elegant ausklingen: das ist dramatisch und sanft und tröstlich zugleich - wirklich reine Poesie.« Sarah Elsing, Deutschlandfunk Kultur, 18.04.2024
von Céline Spierer
»Spierer enthüllt geschickt die letztlich zusammenhängenden Geheimnisse der vermeintlich souveränen Familienmitglieder.« Deutschlandfunk Kultur Lesart, 16.08.2024
von Calla Henkel
»Calla Henkel nimmt den Leser mit auf die Suche nach der Wahrheit. Überraschende Wendungen, interessante Charaktere und eine sich durchziehende Spannung bis zum Schluss.« Berliner Morgenpost, 17.08.2024
von Cécile Tlili
»Wie die französische Autorin die vier Figuren, mit ihren aufgesetzten Masken und ihren eigenen Problemen beschäftigt, aufeinandertreffen lässt, liest sich äusserst vergnüglich. In poetischer Sprache und feinen Bildern zeichnet sie die Szenerie. Bis diese wie ein Kartenhaus nach und nach in sich zusammenfällt und schliesslich alle Figuren ihr wahres Gesicht zeigen« Chantal Herger, Coopzeitung, 30.07.2024
von Jessica Lind
Jessica Lind, geboren 1988 in St. Pölten, Drehbuchstudium an der Filmakademie Wien, lebt in Wien. Autorin des Science-Fiction-Films Rubikon (gemeinsam mit Regisseurin Magdalena Lauritsch). Als Dramaturgin betreute sie Little Joe von Jessica Hausner, Premiere in Cannes 2019. 2015 Gewinnerin des 23. open mike mit der Kurzgeschichte Mama, auf der dieser Roman aufbaut. 2016 Achensee.Literatour Stipendium. 2017 Stipendiatin des 21. Klagenfurter Literaturkurses, 2019 Stipendiatin der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung.
von Laila Lalami
Du bist ein guter Mensch; wenn du eine Katastrophe aufhalten könntest, würdest du es wahrscheinlich tun. Bei jeder Schlagzeile über den Mord an einer Frau stellst du dir sofort die Frage, warum nie jemand eingeschritten ist – obwohl sie Platzwunden und blaue Flecke hatte und sich ärztlich behandeln ließ, obwohl ihr Freund sich wiederholt über das gerichtliche Kontaktverbot hinweggesetzt hat und trotz der alarmierenden Nachrichten, die er ihr schickte und in denen er in allen Details beschrieb, was er plante. Wenn im Park eine Kinderleiche gefunden wird, fragst du dich laut, ob denn niemand jemals den cholerischen alkoholkranken Vater bemerkt hat, den Sportlehrer, der sich in den Duschen herumtrieb, den seltsamen Typ, der auf der Bank am Spielplatzrand saß und gaffte. Stell dir die Frauen vor. Die Kinder. Was, wenn du sie vor solchen Monstern retten könntest? Du musst dafür nicht einmal etwas tun. Du hast längst die allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptiert. 1Der Traum weicht der Wirklichkeit – oder umgekehrt. Sie befreit sich aus dem verhedderten Laken und stolpert in den Gang. Wartet barfuß auf dem nackten Boden, bis das Klingeln aufhört. Regungslos, mit durchgedrückten Beinen, steht sie da, den Blick auf einen Punkt in mittlerer Distanz gerichtet. Wenn sie im Madison etwas gelernt hat, dann, dass Wohlverhalten im Körper beginnt. Der Trick besteht darin, jedes Aufflackern von Persönlichkeit, jeden Hinweis auf Anderssein zu verbergen. Aus weißen Kuppeln an der Decke sehen die Kameras zu. Weitere Frauen stellen sich neben ihr auf, reiben sich den Schlaf aus den Augen, blinzeln unter den verchromten Leuchten, die noch von 1939 stammen, als das Madison eine Grundschule war, die jeden Herbst bis zu vierhundert Kinder aufnahm. Damals gab es in dem Städtchen Ellis eine Fabrik, die landwirtschaftliche Geräte produzierte, ein Kino, eine stets gut besuchte Billardhalle, zwei einfache Hotels sowie natürliche heiße Quellen, die noch aus dem hundertfünfzig Kilometer entfernten Los Angeles Touristen anzogen. Ein Jahrhundert später hatte die Fabrik dichtgemacht, und die Quellen waren versiegt. Das Schulgebäude hatte leer gestanden, und an den Wänden hatte der Schimmel gewuchert. Schließlich hatte der Stadtrat den Bau an Safe-X verkauft. Weil es hinsichtlich der Sanierung bestimmte rechtliche Auflagen gab, mussten die neuen Eigentümer zwar die originalen Leuchten und alle Metallteile erhalten, aber die Tafeln warfen sie weg, nahmen die Karten der Bundesstaaten und die ABC-Schaubilder von den Wänden, ließen das Mobiliar versteigern und verwandelten das Obergeschoss in einen Gefängnistrakt. Als man sie an ihrem ersten Tag zu ihrer Pritsche in 208 brachte, wurde ihr vom Gestank des Bodenputzmittels übel. Sie zog und zerrte am Fenster, dass die Knöchel weiß anliefen, und begriff erst nach einiger Zeit, dass es zugeschweißt war. Inzwischen stört sie der künstliche Kiefernduft nicht mehr so sehr. Das Leben mit fremden Menschen in kahlen Räumen, ihre Nähe in der offenen Gemeinschaftsdusche und in der Schlange vor den KommKabs, den Kommunikationskabinen, hat sie gegen eher intime Gerüche empfindlich gemacht. Die Creme, die ihre Zimmergenossin wegen des Ausschlags verwendet, den sie im Knast bekommen hat, riecht sie aus eineinhalb Metern Entfernung. Wenn eine Frau das Madison als Knast bezeichnet, werden die Aufseher sauer. Wir sind ein Einbehaltungszentrum, sagen sie, kein Gefängnis, keine Vollzugsanstalt. Man hat Sie nicht verurteilt, Sie sitzen hier keine Haftstrafe ab. Sie werden nur bis zum Abschluss Ihrer forensischen Beobachtung einbehalten. Und wie lange noch?, fragt immer irgendeine. Kommt darauf an, sagen die Aufseher. Manche Einbehaltene bleiben nur drei Wochen, manche müssen etwas länger warten. Die Aufseher bezeichnen die Frauen niemals als Häftlinge. Sie nennen sie Einbehaltene, Bewohnerinnen, Registrierte, hin und wieder auch Programmteilnehmerinnen. Um sieben Minuten nach sechs taucht Hinton auf. Offenbar war viel Verkehr auf dem Highway, oder das Sicherheitsbriefing hat sich in die Länge gezogen. Seine Haare sind frisch geschnitten, was seine hohen Wangenknochen und die leuchtenden, hungrigen Augen zur Geltung bringt. Seine feinen Züge sind durch eine Brandnarbe verunziert, die unten am Hals, knapp über dem steifen Uniformkragen, verläuft. Diese Narbe ist im Madison oft Gesprächsthema. Die einen sagen, sie stamme vom großen Tujunga-Feuer, bei dem sein Haus bis auf die Grundmauern abgebrannt ist und sein Hund, angeblich ein Deutscher Schäferhund, umkam. Andere halten die Narbe für alt, für das Überbleibsel eines Unfalls in Hintons Jugendzeit, eines Missgeschicks mit einem Feuerwerkskörper oder einer Prügelei am Lagerfeuer. Aber wer weiß das schon. Jedenfalls verleiht sie ihm ein gewisses Etwas. Sie bewahrt sein Äußeres vor nichtssagender Perfektion. Er geht in aller Ruhe durch den Gang. Vor 202 weist er zwei Einbehaltene zurecht, weil ein Handtuch auf dem Boden liegt. Dass es wahrscheinlich vom Haken gefallen ist, spielt keine Rolle; die Frauen müssen in ihrer Unterkunft Ordnung halten. In 205 gibt es ein anderes Problem, einen überquellenden Papierkorb. Doch erst in 207 zahlt sich seine Wachsamkeit wirklich aus. Er findet unter einer Decke ein batteriebetriebenes Nachtlicht, kleiner als ein Fingernagel. Nach zweiundzwanzig Uhr wach zu sein, ist gegen die Vorschriften, das wissen alle. »Einfach unglaublich «, sagt er und stößt in gespielter Bewunderung einen Pfiff aus. Dann zieht er seinen Tekmerion aus der Brusttasche und tippt auf das Display, um eine Meldung zu machen. »Sie versuchen ja nicht mal, Ihren Wert zu verringern.« Noch zwei Schritte, dann hat er 208 erreicht. Sie riecht schon die Instant-Ramen, die er mit heißem Wasser aus dem Hahn zubereitet und vor Beginn seiner Schicht am Schreibtisch schlürfend und schmatzend gegessen hat. Weiß er, dass sie sich so viele Gedanken über ihn machen? Interessiert ihn das überhaupt? Vielleicht tratscht ja auch er über die Frauen, beim Mittagessen mit den anderen Aufsehern oder wenn nach einer langen Schicht in der Umkleide gelästert wird. Eines ist sicher: Hinton ist stolz auf seine Arbeit, er führt den morgendlichen Geräte-Check lieber selbst durch, als ihn an einen untergeordneten Aufseher zu delegieren. Und er hat es dabei nie eilig, auch wenn die Frauen im Gang vor Kälte bibbern. Und wenn er noch so lange braucht, bis er bei ihr ist – sie senkt nie den Kopf, damit er leichter hinter ihr Ohr greifen kann. Das ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber ihre einzige Chance, Widerstand zu demonstrieren. Er richtet den Scanner auf ihren Hinterkopf, und der Scanner zeigt mit einem Piepston an, dass die Neuroprothese an der Einbehaltenen M-7493002 [Benutzername Sara T. Hussein] nicht über Nacht manipuliert worden ist. Sie will sich gerade umdrehen, da fragt er sie: »Was ist los?« Er sieht ihr in die Augen, ohne zu blinzeln. »Sie wirken heute ziemlich neben der Spur.« Woran erkennt er das? Aber auch den Mund zu halten hat Sara im Madison gelernt. Jede Erwiderung, und sei sie noch so nichtssagend, könnte gegen sie verwendet werden. Sie hofft, dass in ihrer Miene nichts zu lesen ist, und wartet, bis er zu ihrer Zimmergenossin geht. Jetzt kann der Tag beginnen. Ein kühler Morgen im Oktober, der Tag, an dem sie achtunddreißig wird.Den Blick auf den kleinen Spiegel über dem Waschbecken gerichtet, steckt Sara ihr Haar zu einem festen Dutt zusammen. Emily hat schon ihre Schuhe an; sie ist für den Küchendienst eingeteilt und muss dort sein, bevor die Frühstücksklingel ertönt. Die Frauen, die schon länger im Madison sind, wissen die Routine zu schätzen, während sich die Neuen nach dem Geräte-Check meistens gleich wieder hinlegen. Sie leugnen ihre Situation noch, gehen alles, was mit ihnen geschehen ist, immer wieder bis in die kleinsten Einzelheiten durch, weil sie glauben, sie könnten den einen Moment erkennen, in dem sich die Berechnungen des Algorithmus gegen sie gekehrt haben. Sie drehen das Gesicht zur Wand oder starren an die Decke, ohne auf die Schritte im Gang oder das Dröhnen eines Laubbläsers draußen vor dem Gebäude zu reagieren. Abends verlassen sie ihre Zimmer, essen schnell etwas und kehren zu ihrer stillen Meditation zurück. Ans Madison gewöhnt man sich nur langsam – nicht nur an das Zentrum, auch an die Idee, die dahintersteht. Da ist zunächst das veränderte Zeitgefühl. Ein Tag verläuft wie der andere, und die Gleichförmigkeit steigert die Angst der Frauen, bringt sie zu Entscheidungen, die ihnen schaden. Sie weigern sich zum Beispiel, ihren psychischen Zustand beurteilen zu lassen oder eine Urinprobe abzugeben; manche liefern sich heftige Diskussionen mit dem Aufsichtspersonal. Aber auch die seltenen Tage, an denen die Monotonie unterbrochen wird, sind alles andere als einfach: Ein Anruf von einem Verwandten oder ein Anwaltsbesuch kann sowohl tröstlich sein als auch in tiefe Verzweiflung stürzen. So stellt beides, Gleichförmigkeit und Aufregung, eine jeweils eigene Belastung dar. Sara misst die Zeit nicht nach Tagen oder Stunden, sondern nach bestimmten Ereignissen. Den ersten Schritten. Guck-guck spielen. Das Wort »Mama« sagen. Und jetzt ihr Geburtstag. Sie wäscht sich, lässt den Blick durchs Zimmer wandern und kontrolliert, ob alles den Regeln entsprechend weggeräumt ist. Auf dem Wandbord steht in einem Plastikrahmen, den sie im Laden des Zentrums gekauft hat, ein Foto von ihren Kindern in ihren Hochstühlen. Mona lächelt in die Kamera, Mohsin starrt die Bananenscheiben auf seinem Teller an, über denen seine Finger in der Luft verharren. Das Foto ist zwar längst nicht mehr aktuell, aber Sara gefällt es so sehr, wie ihre Zwillinge schauen, dass sie es nie gegen ein neueres Bild ausgetauscht hat. Neben dem Rahmen liegen ein Stapel Briefe, ein Buch mit Erzählungen von Jorge Luis Borges aus der Bibliothek und ihr Notizbuch. Sie hat dem Reiz des Notizbuchs widerstanden, solange sie konnte. Sie hielt es für eine Art Kapitulation, wenn sie über ihr Leben im Madison schreiben würde – als würde sie damit stillschweigend anerkennen, dass ihre Einbehaltung kein Irrtum wäre, der mit entsprechenden Nachweisen sofort korrigiert werden könnte, sondern das Resultat begründeter Verdachtsmomente des AfR ihr gegenüber. Außerdem hat sie natürlich befürchtet, dass Behördenmitarbeiter, denen es nur um die Daten, nicht um die Wahrheit ging, ihr alles Geschriebene zur Last legen könnten. Tag für Tag lag sie auf ihrer Pritsche und grübelte, wie sie im Madison hatte landen können und wie sich beweisen ließe, dass sie mit den Gewalttaten, die sie angeblich plante, nichts zu tun hatte. Eines Tages aber hatte sie es satt, an leere Wände zu starren, und ihre alten Gewohnheiten setzten sich durch. Sie hat Geschichte des postkolonialen Afrika mit Schwerpunkt auf Unabhängigkeitsbewegungen und Grenzkonzepte studiert, doch abgesehen von drei Jahren Lehrtätigkeit an der Cal State – der California State University von Los Angeles – nie als Historikerin gearbeitet. Den größten Teil ihres Berufslebens hat sie mit digitaler Archivierungsarbeit verbracht, einem Job, in dem sie keine Lehrveranstaltungen vorbereiten muss, die Möglichkeit hat, über Themen zu schreiben, die sie interessieren, und der ihr eine Krankenversicherung einbringt. Bisher zumindest. Während sie auf die Frühstücksklingel wartet, schreibt sie ihre Träume mit allen Details, die ihr noch in Erinnerung sind, in das Notizbuch. In dem Traum von letzter Nacht hat sie sich beim Frühstück durch ihren Printastic-Feed gescrollt, bis sie auf ein Foto von 1954 stieß, das marokkanische Unabhängigkeitskämpfer zeigte, die fälschlicherweise als Rekruten der französischen Armee bezeichnet wurden. Ein peinlicher Fehler, der nicht mal einem Erstsemester in Afrikanischer Geschichte unterlaufen würde. Gleich darauf entdeckte sie zu ihrem größten Schrecken, dass das Foto von ihrem Account aus gepostet worden war. Es waren schon Unmengen von Kommentaren zu lesen, in denen sie wegen des Schnitzers verspottet und bloßgestellt wurde. Aber sooft sie im Traum auch auf Löschen tippte, das Foto blieb in ihrem Feed, und schon kamen neue Nachrichten, ping, ping, ping, der schrille Ton ihrer Schande. Das Foto ließ sich nur löschen, indem sie es aus dem Zentralrechner entfernte, der sich in einem Bunker unter dem Gebäude befand. Vor ihr erschien eine Treppe. Auf dem Weg in den Keller nahm sie immer zwei Stufen auf einmal und berührte kaum das Geländer. Plötzlich zerfloss die Treppe und wurde zu Treibsand, in dem Saras Füße versanken. Wieder ein Traum, in dem sie gedemütigt wird. Beim Aufschreiben wird ihr bewusst, dass nicht der Moment der öffentlichen Blamage das Schlimmste war, sondern das Schweigen der Leute, von denen sie Beistand erwartet hatte. Das Gefühl, beschmutzt zu sein und ausgestoßen zu werden, tut weh. Es erinnert sie an ihre ersten Tage im Einbehaltungszentrum Madison, als sie fest damit gerechnet hat, dass ihre Freundin Myra, mit der sie früher an den Wochenenden oft im Will Rogers State Park gewandert ist, ihr beistehen würde. Auf dem gesamten Weg bis hinauf zum Inspiration Point hat Myra jedes Mal erzählt, wie sehr der Mann, mit dem sie gerade zusammen war, sie anwiderte, und dass sie nach Frankreich gehen werde, sobald sie ein Gebärfähigenvisum für das Land erhalte. Oben am Aussichtspunkt fiel sie angesichts des in der Sonne glänzenden Pazifik allerdings immer in träumerisches Schweigen. Und beim Abstieg erklärte sie, warum sie die Menschen, die sie liebe – Sara zum Beispiel –, niemals verlassen könne. Es war schön zu wissen, dass ihr die Freundschaft zu Sara so wichtig war. Seit Sara im Madison ist, hat allerdings nur ihre Familie Kontakt zu ihr. Alle anderen befürchten, dass sich ihr Risikowert verschlechtert, wenn sie mit ihr in Verbindung gebracht werden. Sie geht ans Fenster. Wenn sie den Hals in einem bestimmten Winkel reckt und die Augen mit beiden Händen gegen das Licht der Deckenleuchte beschattet, sieht sie ein Stück Straße und dahinter einen Berg. Nicht besonders imposant, eigentlich eher ein Hügel, aber er ist mit Kreosotbüschen und gelb blühenden Enceliasträuchern bewachsen, die beim leisesten Lüftchen erzittern. An diesem Morgen ist der Himmel bewölkt. Ein Amselschwarm bringt sich in Formation, bricht sie wieder auf und verschwindet aus Saras Blickfeld. Wie Hinton ist auch die alte Frau heute ein bisschen spät dran. Sie trottet beladen mit Körben, Hüten und Matten aus Stroh zur Bushaltestelle, und ihre langen Glasperlenohrringe schwingen bei jedem Schritt. Sara hält die alte Frau für eine Künstlerin, die dreimal pro Woche die Werkstatt verlässt, um ihre handgefertigten Sachen auf den Bauernmärkten der Gegend zu verkaufen. Der Bus kommt und hält mit quietschenden Bremsen an. Die alte Frau steigt ein, scannt ihr Gesicht und verstaut ihre Sachen auf der Gepäckablage. Der Fahrer wartet und sieht im Rückspiegel zu, wie sie sich in den Vorrechtsbereich auf der Seite des Busses setzt, die dem Madison zugewandt ist. Ob sie Sara aus dieser Distanz sehen kann? Unmöglich zu sagen. Doch Sara stellt sich die alte Frau gern als ihre Freundin vor, als eine nette Freundin, die mehrmals pro Woche nach ihr sieht. Sie wartet, bis der Bus aus ihrem Blickfeld verschwunden ist und draußen wieder Ruhe herrscht. Stille Momente sind im Madison selten, und sie zieht diesen so sehr in die Länge, wie sie nur kann. Doch als die Frühstücksklingel ertönt, ist er vorbei.
von Linea Maja Ernst
An der Uni waren Sylvia und ihre Freunde unzertrennlich, jetzt haben sie Jobs, Beziehungen, manche sogar Kinder. Doch eine Sommerwoche wollen sie gemeinsam verbringen, in einem Haus am See. Im Mittsommerlicht, beim Kochen und Krebse fangen, in Gesprächen über Liebe, Queerness und das Leben, kehrt die alte Vertrautheit schnell zurück. Doch als zwei von ihnen Heiratspläne verkünden, lassen sich verborgene Sehnsüchte immer schwerer unterdrücken. Leben sie alle wirklich so frei und glücklich, wie sie es sich immer erträumt haben?
von Franziska Gänsler
1OLYMPIAAn dem Tag, an dem ich Olympia traf, lag ein sterbendes Kaninchen zwischen dem Supermarktparkplatz und dem leer stehenden Bürogebäude daneben, im Tal harter Grashalme, nah an der Fensterfront.Alles stand seit Wochen still, unter einer Glasglocke aus Hitze und Pandemie, und ich hatte den Großteil des Lockdowns einem Plan der Anpassung gewidmet, dem Ziel, so auszusehen, als hätten meine Eltern plötzlich mehr Geld. Ich arbeitete an porenfreier Haut, weißen Zähnen und definierten Armen, einem Glow, der mit signifikantem Wohlstand kam. Ich dachte ständig an Svea Bleibinger und stellte mir vor, wie meine Transformation die Hierarchie an der Schule völlig neu aufstellen würde, sobald alles wieder losging.Meine Wochen bestanden aus Routinen. Skincare, Haircare, Sport, Zahnaufhellungsstreifen, Maniküre, Pediküre. Ich hatte mir ein solides Wissen zu Bodyweighttraining, Proteinen, Vitaminen, Niacinamiden, Azelain, UVA- und UVB-Strahlung angeeignet, und über Reddit war ich auf etwas gestoßen, das meine Abende in Beschlag nahm: die Suche nach Mirror Replicas – makellos gefälschten Luxusartikeln. Ich chattete mit Menschen, die direkte Kontakte zu Fakefactories in Qingdao und Tianjin hatten und über das Rep-Forum als Trusted Seller gehandelt wurden. Ich fragte nach Preisen, Shippingkosten und PSPs, Pre Shipment Pictures. Ich wusste, welche Factories für welche Marken bekannt waren, ich konnte anhand von Fotos unterscheiden, ob die Naht einer Hermes Kelly per Hand oder mit einer Maschine gesetzt worden war, wusste, in welche Chanel-Modelle »Made in Italy« und in welche »Made in France« geprägt sein musste. (Es war saisonabhängig.) Das war Basisarbeit: Mir war klar, dass ich nicht mit einer gefälschten Birkin in der Schule auftauchen konnte, aber es gab Marken, die dort zum Standard gehörten, Tiffany, Burberry, Cartier und Louis Vuitton, und ich verbrachte täglich mehrere Stunden damit, die bestmöglichen Replikas der Teile, die die anderen im Original hatten, zu ermitteln. In meiner Notes-App führte ich eine Liste von Möglichkeiten, die mein angespartes Geld hergeben würde. Ich studierte Bilder, auf denen Taschen neben ihren Fälschungen lagen, las die Lob- und Kritikpunkte der Community. Ich lernte, auf Details zu achten: den Logoprint, der an der Naht exakt aufeinandertreffen, die Gravur der Metallösen, die tief genug und vor allem zentriert sein musste, die Position, Krümmung und Farbe der Lederbänder. Mit diesem Wissen kam ein Gefühl der Selbstermächtigung. Ich hatte einen Weg gefunden, mir zu erarbeiten, was die anderen von Eltern oder Großeltern zum Geburtstag oder Namenstag oder Zeugnis geschenkt bekamen, und was immer ich am Ende meiner Recherche kaufen würde, es fühlte sich an, als wären die Fakes den Originalen bereits dadurch überlegen, dass sie ein Geheimnis trugen. Sie waren das Ergebnis einer erfolgreichen Jagd.Hinter dem Kaninchen konnte ich das verlassene Büro sehen. Endlos leere Tischreihen, so zusammengeschoben, dass man sich immer paarweise hätte anschauen können, am Bildschirm vorbei, ständiger Blickkontakt. Der Supermarktparkplatz spiegelte sich blau darüber, genau wie das Mäuerchen, auf dem ich saß und der Rücken des Kaninchens. Hinter mir warteten sonnenbehütete Köpfe darauf, dass andere den Laden verließen und sie an die Reihe kamen, ihn zu betreten. Alle auf Abstand, alle mit Masken und ihren selbst mitgebrachten Körben. Manche begrüßten sich, indem sie die Ellenbogen aneinanderstießen. An Gürtelschlaufen und Taschenriemen hingen kleine Desinfektionsspender. Viele hatten Angst, aber niemand hatte so viel Angst wie meine Eltern, die ihre Hamsterkäufe ausschließlich online erledigten und sich einen Überblick über die Preisklassen verschiedener CBRN-Schutzanzüge verschafft hatten, flüssigkeitsdichte Vollmonturen für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahrensituationen.Das Kaninchen lag wie weggeworfen am Boden, krumm und allein. An den Ohren und am Rücken war sein Fell fein wie Watte, bebte winzig und schnell mit seinen Atemzügen, mit dem Herzschlag. Puls Puls Puls. An der Unterseite war es dunkel und verklebt, dort lief es aus, schwarz in die Erde hinein, in die Wurzeln der Halme. Bis auf das Zucken lag der kleine Körper völlig still, als plötzlich sein Sterben in ihn hineinfuhr, wie eine Hand. Er wurde gestreckt davon, hart, lang wie mein Unterarm. Ich hatte das Gras mit den Schuhspitzen auseinandergeschoben, sah das offene Kaninchenmaul, aus dem jetzt das Geräusch kam, durch das ich es überhaupt erst bemerkt hatte. Oben und unten ein Paar gelber, großer Zähne, wie eine sich öffnende Kralle. Der Anblick ekelte mich so sehr, dass ich die Gräser darüber schließen und davonlaufen wollte, nicht länger dabei sein, nie wieder dieses Verhärten sehen, dieses Maul, diesen widerlichen Schrei daraus hören, aber ich wollte auch nicht, dass es hier so allein liegen blieb, allein starb, im Dreck, in diesem trockenen, trostlosen Grünstreifen an der Mauer, neben dem Supermarktparkplatz.Ist das deines? Jemand beugte sich neben mich, langes, hellrosa Haar, eine Jeanscap, auf der aus Strasssteinen PALERMO stand.Ich schüttelte den Kopf, was war das für eine Frage. Nein? Hoffte, dass mein Tonfall dabei abgeklärt klang, dass man nicht hörte, wie die Situation mich zum Kind machte. Dass ich das Kaninchen halten wollte wie eine Puppe, es wiegen und trösten, dass ich wollte, dass das half.Fuck. In der Spiegelung betrachtete ich das Mädchen, sein riesiges Metal-Shirt, den kurzen Rock in Militäroptik.Die Kombination dieser Teile hätte etwas Wahlloses haben können, im Sozialkaufhaus zusammengeshoppt, aber sie hatte den Saum des Shirts von innen mit einem Gummi fixiert, was den Look minimal bauchfrei machte. In ihren Ohren schimmerten dicke Silberringe, die Babyhaare an den Schläfen hatte sie mit Gel zu kleinen Wellen geformt, wie Maddy in Euphoria. Sie war sicher nicht von hier, musste neu in der Gegend sein, oder zu Besuch.Nebeneinander beugten wir uns in den Schatten der leeren Büroräume, und für einen Moment stellte ich mir vor, wie wir gemeinsam eine Pappkiste aus dem Supermarkt holen würden, Wasser und Streu. Das Kaninchen aufheben, ihm tropfenweise Flüssigkeit zuführen, es in eine Tierarztpraxis bringen. Aber das Mädchen kletterte an mir vorbei, über die Mauer, auf den harten Grasstreifen. Als es sich zu mir drehte, blieb sein Blick an mir hängen, veränderte, öffnete sich. Hey, wir kennen uns doch? Cora? Es lachte, und darin, in diesem offenen Mund, unter dem Lip- und Eyeliner erkannte ich ein Gesicht, das ich zuletzt gesehen hatte, als wir beide Kinder gewesen waren. Olympia Mitterwald, die mit ihrer Mutter, Schwester und Oma im selben Wohnhaus gewohnt hatte wie ich mit meinen Eltern, damals, bevor meine Mutter das Haus geerbt hatte und wir umgezogen waren.Krass. Voll schön. Olympia umarmte mich, und ich roch etwas Süßes in ihren Haaren, Vanille und Pfeffer. YSL Black Opium, aber schärfer als das Original, alkoholischer, ein Dupe. Ich fragte mich, welchen Geruch sie an mir wahrnahm, wie sich mein Rücken, wie sich meine Schultern für sie anfühlten, ob mein Training in ihren Händen spürbar war, ob ich sie zu fest drückte oder nicht fest genug.Das Kaninchen schrie wieder, und sie ließ mich los. Das Geräusch klang gurgeliger, kehliger als zuvor, nach mehr Blut. Scheiße. Der leidet ja bloß noch.Das Mäuerchen, auf dem ich saß, war eines dieser Drahtgestelle, wie sie überall herumstehen, die mit verschieden großen Steinen angefüllt sind. Olympia bückte sich und begann, daran herumzupulen. Ich stieg neben sie in die Lücke, noch immer mit dem Proteinshake in der Hand, den ich mir an den Nachmittagen kaufte, und in der Glasscheibe spiegelten sich meine langen, schönen Nägel. Almond Shape, Poppy Red. Auch diese Kunst hatte ich im Lockdown anhand von Videotutorials erlernt – die Maniküre mit Acryl Tips.Olympias Rücken kam mir breit vor, an der Definition des Oberschenkelmuskels sah ich, dass sie trainierte. Ganz klar zeichnete sich die Linie des Vastus Lateralis unter der Haut ab. Sie trug Boots, schwarze, schwere Cowboystiefel. Ich checkte ihre Hände, die noch immer an der Mauer zugange waren. Sie hatte früher schon größere Hände als ich gehabt, ich erinnerte mich an ihre Finger, fest um meine, fest um den Babyarm ihrer Schwester geschlossen, aber jetzt hatte sie Hände, die zu ihren Stiefeln passten. Cowboyhände. Kräftig, mit kurzen Naturnägeln, mit denen sie, im Gegensatz zu mir, ungehindert an der Mauer schaben konnte. Ich sah auf meine perfekten roten Tips, hoffte, sie würde nicht denken, ich wäre oberflächlich, zu eitel, um ihr zu helfen.In der Scheibe war Olympias pinkfarbenes Haar Zuckerwatte, PALERMO glitzerte über dem Kaninchen. Okay. Vorsicht. Sie hielt jetzt in jeder Hand einen großen Stein. Neben ihren Stiefelspitzen, neben meinen Air Max, schob sie, als das Kaninchen sich das nächste Mal aufbäumte, einen der beiden Steine schnell, mit der Linken, unter den kleinen Kopf.Dann zerschlug sie ihn wie ein Ei.Seid ihr nicht irgendwann weggezogen?Sie nickte. Jetzt sind wir aber wieder da, Lockdown und so, meine Oma wär hier sonst völlig allein.Ich erinnerte mich an etwas Wildes an Olympia, an lange, ungekämmte Haare, abgeschabten Nagellack. An eine Blutspur auf ihrem Fuß, weil sie in eine Scherbe getreten war, daran, dass sie den ganzen Tag damit rumgelaufen war, ohne es abzuwaschen, ohne Pflaster. Wie sie damit im Sand gespielt hatte und wie der Sand im Blut kleben blieb. Ihre Schwester, Rena, die immer dabei sein wollte. An Windeln, die schwer zwischen ihren nackten Kleinkinderbeinen hingen. An ihre Oma, die am Fenster rauchte, von da über den Hof rief, wenn die beiden nach Hause kommen sollten.Olympia zog ihr Handy aus der Tasche, sah auf die Uhrzeit. Hey, hat mich voll gefreut, dich zu sehen. Ich muss leider los, jetzt.Sie stieg auf ihr Rad, ich fragte, wohin sie musste. In meiner Vorstellung lag der Sommer völlig leer um uns. Ein warmer, abgestandener See, auf dessen langsames Versickern wir warteten.Da hoch. Sie nickte in die Richtung, in der die Straße anstieg, in der das teuerste Villenviertel der Stadt lag und dahinter bewaldetes Hügelland. Ich kannte die Gegend von den Spaziergängen mit unserer Hündin, kannte sie durch den Blick meines Vaters, durch sein Starren aus dem Baumdunkel, seine Ausführungen über Grundstückspreise, Steuersätze und Versicherungskosten.Ich behauptete, in die gleiche Ecke zu müssen, und blieb bei ihr, begann mit ihr den Anstieg. Sie schob das Rad zwischen uns durch die Ausläufer des Industriegebiets, vorbei an der Autowaschstraße, am Brautmodenoutlet, am Bergsportcenter. Ich sah auf Olympias Hände, die um den Lenker griffen. In den Rillen um ihre Fingernägel klebte eine Spur Kaninchenblut.Sie erzählte, dass sie bis vor Kurzem mit Rena und ihrer Mutter in Düsseldorf gelebt hatte. Jetzt waren sie zurück in der Wohnung ihrer Großmutter, zurück in dem Wohnblock, aus dem wir uns kannten. Vergilbt stand dieses Haus in meiner Erinnerung, die Wände im Treppenhaus, die Balkonbrüstungen, das Licht.Und dann gleich so Lockdown, 24/7 zu viert auf sechzig Quadratmetern. Sie führte die rechte Hand vom Rad zur Schläfe, machte mit dem Zeige- und Mittelfinger einen Pistolenschuss nach, blies sich das Gehirn weg, lachte. Wir haben irgendwann ein Wandbild angefangen, so als Projekt, dass wir uns nicht umbringen. Das geht jetzt schon über den ganzen Wohnungsflur, über alle Wände und die Decke. Mit ihrer Beschreibung wusste ich wieder genau, wie die Blockwohnungen geschnitten waren, der Flur, der auf die Küche zuführte, links das Bad, dann das Wohnzimmer, rechts zwei kleine Zimmer. Himmel auf allen Seiten.Ich erzählte von meinen Eltern. Ahmte nach, wie sie ihre Bestellungen in der Badewanne mit Sagrotan bearbeiteten, bevor sie sie öffneten, duckte mich, feuerte mit lang gestrecktem Arm Sprühstöße, und Olympia lachte, lachte so laut, dass es durch die ganze Straße klang. Es war, als würde sie damit in mein Sprechen hineinatmen, mich antreiben, mein Denken schneller machen, meine Beobachtungen detailreicher. Ich verlor aus dem Blick, dass sie selber von hier kam, beschrieb alles, als müsste es ihr fremdartig und absurd vorkommen, als wäre alles auch für mich selber fremd und absurd, der ganze Ort, mein ganzes Leben. Die ganze Einsamkeit. Den alten Mann, der nebenan lebte, durch dessen Wintergarten man ins Haus blicken konnte, jede Wand ausgekleidet mit Tierköpfen, massive Eber und Hirsche überall. Ich erzählte, wie er mich einmal, vor Jahren, zu sich in die Einfahrt gerufen hatte. Er saß auf den Pflastersteinen vor seiner Garage und hatte ein riesiges Wildschwein im Arm. Ich half ihm, indem ich eine Salatschüssel unter die Kehle des Tieres hielt, während er den Hals aufschlitzte und das Blut in die Schüssel laufen ließ. Eigentlich sollte das Herz für die Ausblutung noch schlagen, die sollen nur hirntot sein, damit der Herzschlag das Blut so richtig rauspumpt. Ich stand gebückt, ein imaginäres Tier in den Armen. Wobei, ich habe das über Schafe gelesen, vielleicht ist das anders bei Wildschweinen. Zu spät realisierte ich, dass ich zu weit gegangen war, dass sie mein Detailwissen zu Schlachtungsvorgängen seltsam finden würde. Sorry, das war weird. Olympia lachte noch immer. Sie lachte und lachte und sah wie früher aus. Du bist so funny. Sie hatte eines dieser Gesichter, das sich völlig mit den Gefühlen veränderte, von Licht und Schatten komplett eingenommen wurde.Wir sprachen über Serien, die wir gesehen, Bücher, die wir gelesen hatten. Euphoria, Tiger King, Die Glasglocke. Um uns wurde die Gegend weitläufiger, stiller. Die normalen Nachbarschaften gingen in die Villengegend über. Wir kreuzten die Schatten jahrhundertealter Bäume, passierten Einfahrten, in denen teurere Autos standen. Mein Gehirn war so auf die Replicawelt eingespielt, dass ich überall nach Fehlern suchte, mich fragte, ob das Leder der Sitze echt war, die Nähte von Hand gestochen, die Details der Leaper auf den Jaguarkühlerhauben fein genug. Aber die Dinge lagen anders hier, wo das Gewebe aus Wohlstand und Status allumfassend war. Es umschmiegte die Menschen, war das Laken, auf dem sie geboren wurden, der Teppich, auf dem sie starben. Die Taschen, Sonnenbrillen und Schals, die meine Mitschülerinnen trugen, sie waren darin unbedeutende Fasern, völlig belanglos. Eine plötzliche Scham überkam mich, als ich an die Stunden dachte, die ich in den vergangenen Wochen auf Reddit verbracht hatte, Fakten sammelnd, Listen führend, mit Verkäufern chattend, in dem dummen Glauben, mir damit eine nicht unterscheidbare Fälschung von Zugehörigkeit erarbeiten zu können.Wohnt ihr noch in dem Haus, in das ihr damals umgezogen seid? Ist das hier irgendwo?Ich schüttelte den Kopf. Schön wärs. Unser Umzug war eine Riesensache für mich gewesen. Ein ganzes, ein eigenes Haus. Ein Garten, ein Hund. Jeden Abend hatte ich an das neue Zimmer gedacht, in dem Opas Modelleisenbahn gestanden hatte, das meines werden sollte. Ich stellte mir verschiedene Wandfarben vor, Anordnungen meiner Möbel, meiner Spielsachen.Ich bin auf einer Schule mit solchen. Ich machte eine Bewegung, die die Nachbarschaft umschloss. Europagymnasium.Olympia lachte. Shit, diese Privatschule?Ich bin in so ’nem Förderprogramm. School Loan Allies. Da zahlen Leute mehr, dass manche einen kostenfreien Platz kriegen. Die kürzen das SLAY ab. Sie lachte wieder, und ich spielte es herunter, als wäre die Aufnahme in das Förderprogramm ein Zufall, der mir widerfahren war, als hätte ich meinen Platz dort gewonnen.Und müsst ihr in dem Programm dann extra slayen und abliefern, oder ist das egal?Ich zuckte mit den Schultern, wollte nicht beschreiben, wie es dort war, wer ich dort war. Wollte nicht daran denken, dass es bald wieder losging.Und alle anderen da sind superreich, oder was?Total. An ihren Reaktionen entlang hangelte ich mich in eine überzeichnete Darstellung der jährlichen Schulversammlung, der Taschen, Uhren, Autos, Svea Bleibingers und ihrer Freundinnen. Sveas Gesicht, ihre Foundation an meinen Fingern nach dem Vorfall, kurz vor dem Lockdown, an den ich seither versucht hatte, nicht zu denken. Ich hab davor noch nie jemanden geschlagen, aber bei der – keine Ahnung. Ich zog durch, mit der Hand durch die Luft, und Olympia lachte.Ist doch gut. Klingt doch, als hätte die das verdient.Wir gingen nah beisammen, und ab und zu stießen beim Lachen unsere Schultern aneinander. Vor uns, ganz oben am Hang, tauchte das Elson-Haus am Waldrand auf. Eine alte, zweistöckige Villa aus Backstein, auf deren Dach irgendwann ein gläserner Kubus gesetzt worden war, ein durchsichtiger Raum, der über dem Viertel, über der Stadt glänzte wie ein Zimmer aus Licht.Weißt du, wer da wohnt? Ich wies mit dem Kopf hinauf, wollte Olympia erzählen, was ich vom Elson wusste, der mit dem Erben der Villa verheiratet gewesen war, einem Künstler, und das Haus nach dessen Tod von ihm geerbt hatte. Ich wollte ihr die Fotostrecke über die beiden beschreiben, die vor Jahren in einem Magazin erschienen war, wollte meinen Vater spielen, der die Bilder studierte, wollte imitieren, wie er einmal, auf der Gassirunde, die Außenmauer des Elson-Gartens mit seinen Schritten vermessen und daraus seine Quadratmeterzahl errechnet hatte.Klar. Olympia lachte. Zu dem muss ich.Sie fragte, ob ich mit reinkommen wollte. Der Elson ist eh nicht da. Oben angekommen, standen wir an der hohen Mauer, die den Garten umgab, und ich sah zu, wie sie einen vierstelligen Code eintippte. Dann fuhr das Tor zur Seite. Ich stellte mir vor, wie ich von hinten aussah, nach Olympia in der Einfahrt verschwindend, mein Rücken, mein Hinterkopf im Spalt der Gasse, so wie mein Vater mich sehen würde, stünde er dort, doch als ich mich umdrehte, hatte sich das Tor schon geräuschlos hinter uns geschlossen. Grün fächerten sich Farne über den Kiesweg zu meinen Füßen, grün lag ein endloser Garten um das Haus.Ich folgte Olympia, die eine weitere Zahlenkombination eingab, die Eingangstür öffnete. Innen umfasste uns Kühle. Weiße, stille Räume, ein Haus wie ein Birkenwald.Erst, als ich sah, wie sie ihre Cowboystiefel auszog und sie ordentlich neben der Tür abstellte, die Cap darauf legte, wie sie sich aus einem Wandschrank ein Paar Gummischlappen nahm und hineinschlüpfte, einen Eimer und verschiedene Fläschchen zusammensammelte, begriff ich, dass es ein Job war, der sie hierherführte. Sie zog die Vorhänge auf, öffnete das Fenster, ging durch den Flur davon, das Schlappen der Gummisohlen zügig und fest zwischen den Wänden. Es gab eine Routine in diesen Abläufen, Olympia folgte klaren Anweisungen. Sie putzte hier.Ich blieb im Eingangsbereich stehen. Ein krakenförmiger Leuchter hing an der Decke. Objekte aus Keramik standen über Wandnischen verteilt. Nur das Licht bewegte sich mit den Blättern vor dem Fenster, nur das Licht und die Schatten.Ich zog meine Schuhe aus, stellte sie ordentlich neben Olympias Boots, ging auf Socken tiefer in das Haus hinein. Rechts reihten sich mehrere Türen, ich öffnete sie nacheinander. In einem Zimmer stand der Konzertflügel, ich erinnerte mich an ihn aus der Fotostrecke. Im nächsten lag alles Mögliche auf einem großen Tisch. Kleine Figuren aus Wachs, Federn, Kinderschuhe. Im dritten stapelten sich Bücher um ein großes Ledersofa. Gemälde hingen an den Wänden, bestickte Stoffbahnen, Fotos. Links vom Gang lag der Salon mit dem Kamin, auch daran erinnerte ich mich. Drei Flügeltüren führten von dort nach draußen. Durch die Gardinen kam der Nachmittag weich wie Staub in die Räume. Etwas Verlassenes lag in allem, als wären die Dinge schon lange unberührt. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche, machte ein paar Bilder für meinen Vater. Olympia zufällig auf dem Parkplatz zu treffen, mit ihr in dieses Haus zu kommen – in diesem Moment war es noch nicht mehr als eine Geschichte, die ich meinen Eltern erzählen wollte.Ich folgte dem Klappern ihrer Handgriffe, fand Olympia in der Küche. Sie hatte den Eimer mit heißem Wasser gefüllt, saß jetzt auf dem Boden und gab die Putzmittel dazu, zwei Kappen vom einen, drei vom anderen, zählte leise mit. Eins, zwei, eins, zwei, drei, und mir war Verschiedenes peinlich, während ich sie vom Flur aus durch den Türrahmen beobachtete. Peinlich, die Erinnerung, wie ich neben dem Kaninchen gestanden und gedacht hatte, dass man es noch retten konnte. Peinlich, keinen Job zu haben, nicht einmal auf die Idee gekommen zu sein, dass es ein Job war, der sie in diese Nachbarschaft kommen ließ. Die Vorstellung, wie der Elson sie hier herumgeführt und ihr alles genau erklärt haben musste. Wie er sie dabei vielleicht gesiezt hatte. Die Fläschchen dort unten, bitte unbedingt zwei Kappen hiervon und drei hiervon, und bitte lassen Sie die Straßenschuhe im Eingangsbereich stehen. Das pinkfarbene Haar, das sich gelöst hatte und auf dem Boden zwischen uns lag, störend und lang, wie die Spur eines dünnen Filzstifts. Peinlich, danebenzustehen, wie sie mit der Hand im Eimer herumrührte, dann eine Bürste ins Wasser tauchte und zu schrubben begann. Peinlich, dass ich dabei an meine Nägel dachte, deren Makellosigkeit dieser Tätigkeit nicht standhalten könnte.Wie lang arbeitest du hier schon?So sechs Wochen. Sie wusch die Bürste aus, nahm sich dann einen Lappen, um die Pfütze aufzutrocknen. Aber der Elson ist nie da, ich bin immer alleine hier. Versorg die Katze und so. Draußen hat er noch Hühner.Warum musst du hier putzen, wenn der eh weg ist?Weil da Katzenpisse war. Das ist Naturstein, die frisst sich da doch sonst rein. Peinlich, dass ich so etwas nicht wusste.Ich fragte, ob ich ihr helfen konnte, und kurz später kniete ich auf dem Elson-Boden und schaufelte vorsichtig verkrustete Klumpen aus dem Elson-Katzenklo in eine Elson-Mülltüte. Es hätte komisch sein können. Ich kannte diese Katze nicht, ich kannte den Elson nicht. Ich kannte nicht einmal Olympia so richtig. Aber es war schön. Als hätte sie mich zum Spielen eingeladen. Wir wischten, wir schaufelten, wir räumten alles wieder ordentlich zurück. Wir waren Haussitter, aber irgendwie spielten wir auch Haussitter. Es war wie früher in unserer Wohnung. Vater, Mutter, Kind in der Fisher-Price-Küche, nur, dass die hier echt war und die Katzenpisse sich echt in den Stein fraß. Als wir im Haus fertig waren, zeigte sie mir den Garten. Der Weiher, an dessen Ufer der Elson und sein Mann damals fotografiert worden waren, lag still vor dem Haus. Seerosen wuchsen an seinen Rändern, dazwischen spiegelte sich der Himmel. Wolke um Wolke, umsäumt von Blättern und Blüten, die fast künstlich aussahen, wie eines dieser Bilder, die man sich als Homescreen einstellen kann. Wir zogen Kescher durch die Spiegelung, fischten Federn, Insekten, Nester aus Pollen von der Fläche, durchbrachen das Weiß mit schwarzen Ringen.Olympia zeigte mir den Hühnerstall und was es dort zu tun gab, die Reinigung, das Absammeln der Eier, das Auffüllen von Futter und Wasser. Sie zeigte mir, wie die Bewässerungsanlage der Beete funktionierte. Der Elson hatte ihr erklärt, sie erst abends anzustellen, damit nicht zu viel verdunstete, damit die Wasserperlen auf den Blättern nicht zu Brenngläsern wurden. Wir standen barfuß auf der harten Erde, die sich langsam unter unseren Füßen vollsaugte, erst kühl und dann weich wurde. In dieser hinteren Ecke des Grundstücks gab es einen Gästebungalow, ein kleines Holzhaus mit einem Fenster, das auf einen Holunderbaum hinausging. Darin ein Doppelbett und eine Küchenzeile, der Fußboden aus blauen Fliesen. Es roch feucht, und in den Ecken hingen Spinnweben, die mehlig waren von jahrzehntealtem Staub, dicht und weiß.Der Elson hat mir angeboten, dass ich auch mal hier bleiben kann. Olympia stand im Türrahmen, ich sah sie nur als schwarze Form vor dem Garten. Ich dachte, ich kann mal meine Family herholen, für ein Wochenende oder so. Meine Mutter packt das gar nicht, immer in der Wohnung zu sein.Ich fragte, wie alt Rena inzwischen war, wie alt ihre Oma, und sie zeigte mir Bilder, die Oma, die sich kaum verändert hatte, Rena, die elf war und sich an Olympia kuschelte, Rena, die ich nur noch an ihren hellblauen Augen erkannte. Sie ging noch zur Schule, aber seit dem Umzug hatte kaum Präsenzunterricht in ihrer neuen Klasse stattgefunden.Ich hab in Düsseldorf die Zehnte abgeschlossen. Reicht mir. Sie lachte, und ich merkte mir das. Reicht mir. Stellte mir vor, diese zwei Worte zu sagen. Stellte mir vor, sie zu meinen.Aber was machst du jetzt, ich mein, was willst du mal machen?Jetzt bin ich erst mal hier. Keine Ahnung. Ihre Mutter hatte die Anzeige vom Elson in der Zeitung gefunden.Er hatte jemanden gesucht, der während einer längeren Abwesenheit den Garten und die Tiere versorgen würde. Ich hab ihn angerufen, dann war ich einmal da, er hat mir alles gezeigt, und seitdem mach ich das. Der zahlt mich pauschal, auch wenn’s regnet und ich mal gar nicht gießen muss oder so. Und ich mags hier, ich komm gern her. Also, keine Ahnung. Was will ich mehr?Ich nickte. Und wo ist er die ganze Zeit?Vielleicht hat er noch ein anderes Haus irgendwo. Als es Abend wurde, zogen Olympia und ich uns aus und schwammen. Wir legten uns auf das große Holzdeck, die Füße im Wasser. Wir aßen Popcorn und Chips aus einem Vorratsschrank und vapten, und ich merkte mir, wie Olympia den Vape dabei in der geschlossenen Faust hielt, wie sie den Dampf ganz langsam aus sich herausklettern ließ.Es war noch immer hell, aber im Garten zeigte sich an den Mücken über dem Wasser, dass der Tag endete. Es gab kaum Kondensstreifen in diesem Sommer, kaum privaten Flugverkehr. Der Himmel war ganz leer, klar und blau, wie Glas. Kurz hielt Olympia meine Hand fest, als sie mir den Vape reichte, strich mit dem Zeigefinger über meine Nägel. Wie perfekt die sind. Erst wusste ich nicht, ob sie das ernst oder ironisch meinte, weil sie sich von ihren unterschieden, weil ich die Dreckränder sah, die der Tag hinterlassen hatte, Erde oder Algen aus dem Teich, aber Olympia fühlte sich weich neben mir an, zu weich für Kritik.Was willst du machen, wenn du durch bist mit deiner Bonzenschule?Auch das klang weich. Es lag kein Gewicht in ihren Fragen, sie verglich uns nicht.Ich spürte ihr Reicht mir in meinem Mund, aber nach einem kurzen Zögern sagte ich Ausland, sagte Sorbonne, Cambridge, erzählte von den Stipendien, um die ich mich bewerben wollte. Ich will einfach weg von hier.Und Olympia lachte. Checke ich, aber, ich weiß nicht. Ich war weg, und eigentlich ist es überall gleich scheiße. Wir machten eine letzte Runde durch das Haus, stiegen ganz hoch, bis in den gläsernen Kubus auf dem Dach. Standen zwischen den Scheiben, wie in einem Screen. Hinter uns der Wald, links die Villengegend, Baumkronen, Rasen, Pools, Fassaden aus Beton und aus Glas, der sich senkende Himmel.Ich zeigte ihr weit hinten das Haus meiner Eltern, die Nachbarschaft hinter dem Industriegebiet, hinter dem Bahnhof, aus Blöcken zusammengesetzt wie in Minecraft, nur in Schwarz-Weiß, ohne Wasser, ohne Diamanten, ohne Lava. Block, Block, Block. Parkplatz, Flachdach, Vorgarten.Ich dachte an den Elson und seinen Mann, wie sie von hier oben auf ihren Garten geblickt haben mussten, auf das Schwarz des Teichs, das Blattwerk der Pflanzen. Ihre Bäume, ihre Hühner, ihre Katze. Leute wie der Elson, die ihr Leben damit verbrachten, Kinderschuhe zu sammeln, Klavier zu spielen, jeden Tag durch die Seerosen zu schwimmen.Olympia stand nah neben mir. Ich roch noch das Teichwasser an ihr und den Vape, sah unten dunkel eine Spur der nassen Abdrücke, die unsere Körper auf dem Deck hinterlassen hatten. Wenn die getrocknet waren, dann war es das, dann blieb von unserem Aufenthalt nur die Sauberkeit zurück, die frische Streu im Katzenklo, eine leere Popcorntüte in der gelben Tonne, ein einzelnes pinkfarbenes Haar in der Küche.