4.5

Der Betrachter

von Judith Fanto, Christiane Burkhardt

Format:Hardcover
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Judith Fanto, geboren 1969, ist Autorin und Juristin. Neben ihrer journalistischen Tätigkeit setzt sie sich als Gründerin mehrerer Stiftungen für kulturelle Aktivitäten und Bildungsangebote vor allem für jüdische Menschen und für Kinder mit psychischen Problemen ein. Ihr Debütroman Viktor erzählt vom Schicksal ihrer jüdischen Familie und wurde schon nach wenigen Wochen zum Bestseller. Christiane Burkhardt lebt in München. Sie übersetzt aus dem Niederländischen, Italienischen und Englischen. Neben Judith Fanto und Gitta van Spree übertrug sie unter anderen Paolo Cognetti, Fabio Geda, Wytske Versteeg und Tom Hofland ins Deutsche. Darüber hinaus unterrichtet sie literarisches Übersetzen.

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
464 SeitenHardcover
Erschienen an: July 13, 2026

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Aktuelle Rezensionen(3)

4.5(3 ratings)
walliliestRezension von walliliest

Hermann lebte ein glückliches und bescheidenes Lebrn mit seiner Mutter und seinen Großeltern in Haarlem, in den Niederlanden. Bis die Großmutter starb und die Mutter von einer Straßenbahn überfahren wurde. Seine Tante Edmonda, Schwester seines Wiener Vaters Leopold, Armeeoffizier und Säufer, holte den zehnjährigen Hermann zu sich. Seitdem hieß er Manno und war ein einsames Kind, das unter den Launen und den Schikanierungen der Tante litt. Nur in den Sommerferien hatte er Spaß. Im Kindererholungsheim in Baden fand er Freunde. Max, Sohn eines Hauslehrers, Jude. Bertl, Sohn eines Fabrikanten. Béla, Jude, Adliger aus Ungarn und homosexuell. Lotte, das unschuldige blondgelockte österreichische Mädchen und Franzi, Jüdin und Sozialistin. Sie erlebten, unbesehen ihrer Standesunterschiede, über Jahre die besten Sommer ihres Lebens, bis das Erholungsheim geschlossen werden musste. Ende der 1920er ändert sich die politische Stimmung in Österreich und vor allem auch in Wien. Es wird darauf geschaut, wer mit wem in welchen Kreisen verkehrt und wer welche politische Strömung unterstützt. Die Kinderfreunde von einst treffen sich zufällig an der Universität wieder und finden zu ihrer innigen Freundschafft zurück, ungeachtet ihrer Religion oder Sexualität. Manno ist der ruhige Betrachter ihrer Freundschaft, aber auch ihr Kitt. Er ist Restaurator geworden, Béla Parfumeur. Sie verbringen harmonische Nachmittage im Café Hackl, unbeschwerte Sommer gemeinsam in Altausse, sammeln Narzissen für Bélas Parfumkompositionen und feiern Weihnachten auf dem Schloss mit Bélas Familie. Wie bei einem alten restaurierungsbedürftigen Gemälde tun sich Risse in ihrer Freundschaft auf. Wer ist hier in wen verliebt? Wer gönnt hier wem das Familienerbe? Wer gibt sich nur als Student aus? Wer ist homophob? Wer nationalsozialistisch? Schließlich verschlimmern sich die Zustände in Wien, es kommt zu Straßenkämpfen und Razzien. Juden wird das Studieren verboten, Homosexuelle werden verfolgt, Bertl und Lotte sympathisieren mit der NSDAP. Es passiert das Unfassbare. Erpressung und ein Verrat, der das gesamte Freundschaftsgeflecht unwiederbringlich zerstört und späte Vergeltung hervorruft. Meinung: Dieser Roman lässt am Anfang noch an eine kindliche Freundschaftsgeschichte glauben, verdichtet sich immer mehr, verwebt sich mit den historischen Ereignissen und hat mich bei manchen Ereignissen fassungslos und mit Kloß im Hals zurück gelassen. Ich habe mit dem Ich-Erzähler Manno in allen Phasen seines Lebens mitgefühlt und sympathisiert. Und ganz nebenbei einiges über niederländische Kunst und das Restaurieren gelernt sowie über die menschlichen Abgründe. "Der Betrachter" ist ein Buch, das an den eigenen Überzeugungen rüttelt. Wie weit wären wir bereit, für eine Freundschaft zu gehen und müssen wir in Freundschaften immer bedingungslos ehrlich sein? Wieviel Verluste können wir verkraften? Eine große Leseempfehlung für einen großen Roman!

Mrs MoriartyRezension von Mrs Moriarty

Zuerst war ich über den deutschen Titel des Romans “Der Betrachter” ein wenig verwundert. Aber mit der Zeit hat sich die ganze Tragweite dieser Wahl schon sehr erschlossen. Ich finde ihn tatsächlich interessanterweise passender, treffender, als das niederländische Original. Das Ende hat mich umgehauen. Das hatte eine solche Kraft. “Der Betrachter” hat mich kalt erwischt. Manno, der sich stehts als Künstler und Beobachter wahrnimmt und sich lange auch so verhält, weil er nicht in der Lage ist aus dieser Rolle wieder aus zu brechen. Die Freundesgruppe, die aus sehr unterschiedlichen Menschen besteht, wirkte dabei auf mich so lebendig, als sei ich Teil von ihnen. Es brauchte nur wenige Seiten, um die Dynamiken zwischen ihnen zu verstehen und welche Rolle Manno sich darin selbst zuschreibt. Er liebt seine Clique. Er hat sie alle in einer Zeit kennen gelernt, in der er nicht wusste wo hin mit sich und vor allem nicht wusste, ob er je wieder zu jemandem gehören würde. Bei seiner Tante hatte er jedenfalls kein “Willkommen” erfahren und von familiärer Wärme sowieso keine Spur. Manno ist von Freunden und Freundinnen umgeben, die von ihrer Zeit, insbesondere der NS Zeit in Österreich, ganz unterschiedlich betroffen sind. Manno bleibt auch immer wieder nur deshalb Beobachter, weil er von vielem immer nur indirekt betroffen ist. Er bleibt immer wieder nur Beobachter dessen, was in seiner Freundesgruppe passiert, was ihnen zustößt. Er bleibt passiv und merkt nicht, wie er in diese Passivität immer tiefer hineinrutscht. Er verbirgt Dinge vor den jeweils andren um die Gruppe als ganzes Zusammen zu halten. Vor allem die politischen Gräben machen es ihm aber immer schwerer. Denn natürlich erkennt er, das ein großer Teil von ihnen in immer größerer Gefahr schwebt, schiebt es aber zu lange beiseite bis er vor den Scherben steht. Ich mochte diesen Roman so so sehr. Ich kann nicht mal genau sagen, woran es konkret lag. Ich fand das Fanto diese Geschichte in all ihren wichtigen Fassetten erzählt hat. Dabei wurde auch deutlich, warum Manno an vielen Punkten stumm bleibt. Das mag man nicht immer gut und richtig finden. Aber ich fand gerade dadurch zeigt die Autorin, was passiert, wenn man Stumm ist, beobachtend bleibt, Dinge geschehen lässt und nicht verhindert. Das schreit lauter durch den Text als alles Schlimme, was den Verschiedenen Figuren im Roman zustößt.

Alexa EngelRezension von Alexa Engel

Der Betrachter“ von Judith Fanto aus dem Kain&Aber Verlag erzählt die Geschichte des Kunstrestaurators Hermann, der durch einen Brief plötzlich mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert wird. Dieser Auslöser katapultiert ihn zurück in seine Kindheit, in eine Zeit voller Verluste und Umbrüche. Als zehnjähriger Junge verliert er seine Familie. Herzattacke und Unfall sind die Schicksalsschläge, die das Leben von Manno auf den Kopf stellen. Ohne Vater und familiären Halt wird er schließlich nach Wien zu seiner Tante geschickt. Dort erlebt Hermann eine völlig fremde Welt: Er spricht die Sprache nicht, kennt niemanden und fühlt sich tief isoliert. Erst durch einen engagierten Lehrer, der ihm beim Spracherwerb und seiner schulischen Bildung hilft, beginnt er langsam anzukommen und aus seiner Einsamkeit herauszufinden. Mit der Zeit entstehen erste Freundschaften, die sein weiteres Leben prägen und ihm Stabilität geben. Im Zentrum steht somit weniger eine ereignisreiche Handlung als vielmehr die Entwicklung einer Persönlichkeit, die zwischen Verlust, Anpassung und späterer Selbstfindung erzählt wird. Der Roman bewegt sich stark zwischen Gegenwart und Erinnerung und zeichnet dabei das Porträt eines Mannes, dessen Vergangenheit nie wirklich abgeschlossen ist. Der Schreibstil ist sehr detailreich und bildhaft, zugleich aber ruhig und gemächlich erzählt. Die Atmosphäre lebt von Beschreibungen und inneren Zuständen, wodurch eine dichte Stimmung entsteht. Insgesamt ist „Der Betrachter“ ein atmosphärischer, stark auf Innenleben fokussierter Roman, der vor allem durch seine Sprache und die psychologische Tiefe überzeugt.

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