4.6

Vierundsiebzig

By Ronya Othmann

Format:Hardcover
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Man muss Othmanns Nervenstärke bewundern, die nötig gewesen sein muss für ihre teilnehmende Beobachtung. Und das erzählerische Können, dem sich ihre atemberaubende literarische Reportage verdankt. Sie ist eine große Schriftstellerin.

Biography & Memoir
512 pagesHardcover
First published March 12, 2024

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Popular Reviews(4)

4.6(20 ratings)
PhilineReviewed by Philine

Unfassbar bedrückend, sehr verwirrend, umso lehrreicher und sprachlich besonders.

majamajaReviewed by majamaja

Ronya Othmann schreibt in 74 über den Völkermord an den Êzîd*innen. Oder die Völkermorde? Denn 74 Genozide haben die Êzîd*innen erlitten. Ronya Othmann schreibt. Sie schreibt. Sie schreibt über das Schreiben. Sie nähert sich schreibend. Sie umkreist die Themen. Kommt ganz nahe ran und bleibt auf Distanz. Ich bin ganz weit weg, ich schaue von oben. Sie zoomt mich unmittelbar und ganz dicht heran. Sich selbst beim schreiben beobachtend, umkreist sie die Gräueltaten des IS. Sie schreibt über Erdoĝan, über DITIB, die grauen Eölfe. Sie reist an in die leeren Dörfer, sie spricht mit Verwandten, empfängt Nachrichten. Sie schreibt dokumentarisch und poetisch. Extrem gewaltig, episch und zart. Sie schreibt über ihre Familie. Ihre Schwester die emotionale und grausame Videos teilt und Särge auf Demonstrantionen durch die Stadt trägt. Über ihren Bruder, der nicht auf Demonstrantionen gehen möchte, der nicht über den Genozid spricht. Der nichts wissen will. Der für sein Architektur Studium den Tempel von Lalish zeichnet. Über ihren Cousin der mit dem Sarg in dem ihre Großmutter liegt in die Türkei gefahren ist bis zur syrischen Grenze, wo er die Großmutter, ihren Sarg und etwas Geld übergeben hat, damit sie auf dem Hügel neben dem Großvater begraben werden kann. Und dass niemand aus der Familie dabei sein konnte. Dass sie später ein Video geschaut haben. Sie schreibt über ihre Mutter, die ihr Videos zeigt von dem was einmal zu Hause war. Und jetzt ein Schützengraben ist. Sie schreibt über ihren Vater, der Atheist ist und jede Religion abschaffen will und der trotzdem Êzîde ist. Und der sagt, in ein paar Jahrzehnten, wird es keine Êzîden mehr geben. Der sie begleitet auf ihren Reisen. Und sie schreibt über sich. Sie schreibt, dass sie denkt, es ist zu viel. Denkt sie. Wer wird das lesen wollen? Sie verbietet sich die Frage. Und doch ist es die Frage, die ihr immer wieder gestellt wird. Sie hat keine Antworten auf all die Fragen die ihr gestellt werden. Sie hat nur geschrieben. Fragt man ihre Geschwister und sie, schreibt sie, ob sie Êzîden seien, und das tue man oft, sagt ihre Schwester Ja. Sagen ihre Brüder Nein. Sagt sie selbst Ich weiß es nicht. Alle Antworten sind richtig, schreibt sie. Und das sie als Kind dachte, die Inhaftierung in einem Gefängnis sei eine normale Station im Lebenslauf. Das schreibt sie auch. Ich habe lange gebraucht um 74 fertig zu lesen. Habe viele Pausen gemacht. Habe es immer wieder zur Hand genommen. Othmanns Schreibstil hat einen Sog, den ich schwer beschreiben kann und der einen gleichzeitig extrem nah ranholt und trotzdem auf Distanz hält. Der sachlich und poetisch zugleich ist. Ich habe 74 gerne gelesen und es ist mir schwer gefallen. Ich habe viel gelernt. Dankeschön.

Sonja Reviewed by Sonja

Hat mich sehr berührt. Ein schreckliches Thema, erzählt mit einer wunderbaren Sprache.

ElenaReviewed by Elena

"Ich will mich aus dem Text streichen. Nur noch Auge und Ohr sein. Ein Tonband, ein Filmband. Ein Tonband, das nicht kaputtgeht von dem, was es hört. Ein Filmband, das nicht kaputtgeht von dem, was es sieht. Und das, was es gesehen hat, wiedergibt, beim ersten Mal wie beim zweiten wie beim dritten, beim vierten Mal, und nicht von Erinnerungen und Vergessen überschrieben wird." - Ronya Othmann, "Vierundsiebzig" In "Vierundsiebzig" dokumentiert Ronya Othmann ausgehend vom 3. August 2014, dem Tag, an dem IS-Terroristen das von der êzîdischen Minderheit besiedelte Gebiet im Sin­dschar-Gebirge im kurdischen Irak überfielen, Tausende ermordeten, entführten und versklavten, den Genozid an der êzîdischen Bevölkerung. Schwer auszuhalten ist ihr rund 500 Seiten langer Text, der nicht wirklich in die Form eines Romans passt, mehr notwendiges Zeitdokument, Biographie und Reisebericht in einem ist. Die 1993 in München geborene Autorin bereist mit ihrem kurdisch-êzîdischen Vater ehemalige êzîdische Dörfer, trifft dort Verwandte und Überlebende in Camps, recherchiert in Büchern und besucht den Gerichtsprozess der deutschen IS-Terroristin Jennifer W. und ihrem irakischen Ehemann in Deutschland. Das Ehepaar hatte nach dem 3. August 2014 eine êzîdische Mutter und ihre Tochter als Sklavinnen gekauft und das Kind im Hof verdursten lassen. Immer wieder kehrt Ronya Othmann zum vierundsiebzigsten Massenmord, dem 3. August 2014, zurück, er bildet einen Rahmen für diese beeindruckende, beklemmende und erschütternde Rechercheleistung. Das Buch ist unbedingt lesenswert, es ruft den Genozid an der êzîdischen Bevölkerung ins Gedächtnis und macht deutlich, dass allein durch das Framing des Völkermords als Genozid 2023 im Deutschen Bundestag kein Schlusspunkt gesetzt werden darf - denn die Gewalt und Verfolgung der Êzîd*innen dauert weiter an.

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