»Manche fliehen von und andere nach zu Hause. Und manche beides zugleich.«Lazi sitzt im Zug nach Budapest und hat ein Ziel: Das Gewehr des Großvaters András, der während des Ungarnaufstands 1956 nach Argentinien fliehen wollte, aber in Eppingen landete. Im ungarischen Dorf erwarten Lazi unberechenbare Tanten, unzählige Schnäpse und die Großcousine Zsófi, die Lazi das Schießen beibringt. Nur Mónika, die Schwester der Mutter, versteht, was Lazis veränderter Körper zu bedeuten hat, nur sie ahnt den wahren Grund für Lazis Rückkehr: Rache üben, Gerechtigkeit finden. Auf der Suche nach dem Ursprung der Gewalt in der Familiengeschichte trennt Lazi eine Naht aus Scham und Schweigen auf. Hat schließlich das Gewehr des Großvaters und alle Fäden der Erzählung in der Hand. Und trifft eine Entscheidung. ›King Cobra‹ erzählt zwischen Humor, Zärtlichkeit und Wut vom Widerstand gegen das Schweigen und davon, dass die Liebe kein Bluthund ist.
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King Cobra
von Muri Darida
»Manche fliehen von und andere nach zu Hause. Und manche beides zugleich.«Lazi sitzt im Zug nach Budapest und hat ein Ziel: Das Gewehr des Großvaters András, der während des Ungarnaufstands 1956 nach Argentinien fliehen wollte, aber in Eppingen landete. Im ungarischen Dorf erwarten Lazi unberechenbare Tanten, unzählige Schnäpse und die Großcousine Zsófi, die Lazi das Schießen beibringt. Nur Mónika, die Schwester der Mutter, versteht, was Lazis veränderter Körper zu bedeuten hat, nur sie ahnt den wahren Grund für Lazis Rückkehr: Rache üben, Gerechtigkeit finden. Auf der Suche nach dem Ursprung der Gewalt in der Familiengeschichte trennt Lazi eine Naht aus Scham und Schweigen auf. Hat schließlich das Gewehr des Großvaters und alle Fäden der Erzählung in der Hand. Und trifft eine Entscheidung. ›King Cobra‹ erzählt zwischen Humor, Zärtlichkeit und Wut vom Widerstand gegen das Schweigen und davon, dass die Liebe kein Bluthund ist.
Aktuelle Rezensionen(3)
Ich arbeite mich durch die Liste für den Buchpreis ’26 Interessanter Start, aber leider hat mich das Buch nicht gekriegt. Als Hörbuch gehört, gelesen vom deutsch-ungarischen Autor, gut, wegen der vielen ungarischen Passagen. Da Ungarisch meine Vatersprache ist, bin ich jedes Mal zusammengezuckt, wenn im Buch die Verwandtschaft anfing zu fluchen. Ja, fluchen können sie! Eine queere Geschichte über junge Menschen, viel Handlung und einige Wendungen. Für meinen Geschmack war es allerdings zu aufgeregt und einfach nicht meins.
Manchmal liest man einen Roman und merkt schon nach wenigen Seiten, dass man seinen Schauplatz niemals ganz neutral betrachten wird. So ging es mir mit King Kobra und Ungarn. Ich bin Halb Ungarin und dieses Land ist für mich ganz eng mit meiner Kindheit verbunden. Wenn ich Ungarisch höre, wenn von Budapest erzählt wird oder diese ganz eigene Atmosphäre des Landes spürbar wird, entstehen bei mir sofort Bilder und Erinnerungen. Budapest gehört außerdem zu den Städten, die ich von Herzen liebe. Vielleicht war ich Lazi deshalb auf dieser Reise von Anfang an besonders nah. Lazi fährt nach Ungarn zur Familie und eigentlich auf der Suche nach einem Gewehr, das dem Großvater gehörte. Doch ziemlich schnell spürt man, dass es um viel mehr geht. Nach und nach öffnet sich eine Familiengeschichte, in der manches lange verschwiegen wurde und Vergangenes bis in die Gegenwart hineinwirkt. Mir hat sehr gefallen, dass sich vieles erst langsam erschließt und der Roman seinen Figuren dabei Zeit lässt. Am stärksten waren für mich tatsächlich die Passagen in Ungarn. Dieses Gefühl, an einen Ort zu kommen, der einem tief vertraut ist und sich manchmal trotzdem ein wenig fremd anfühlt, kenne ich sehr gut. Beim Lesen waren plötzlich eigene Erinnerungen da. An meine Kindheit, an die Sprache und immer wieder an Budapest. Dadurch bekam Lazis Reise für mich eine ganz persönliche zweite Ebene. Auch sprachlich hat mich King Kobra überzeugt. Der Roman ist stellenweise rau und direkt, kann aber plötzlich ganz leise und zärtlich werden. Einige Bilder sind mir noch lange nach dem Lesen im Kopf geblieben. Nicht alles war für mich vollkommen rund, deshalb sind es keine fünf Sterne. Aber es ist eines dieser Bücher, bei denen ich nach der letzten Seite noch nicht ganz fertig war. Für mich war King Kobra deshalb nicht nur eine Geschichte über eine Familie und darüber, was Herkunft mit einem Menschen macht. Es war auch ein unerwartetes Wiedersehen mit einem Land, das zu meiner eigenen Geschichte gehört.
Lazi ist mit dem Zug nach Ungarn unterwegs, dem Land seiner Vorfahren mütterlicherseits. Offiziell ist er auf der Suche nach dem Gewehr seines Großvaters. Warum genau erfährt man allerdings erst nach und nach. Vieles offenbart sich erst im Verlauf der Geschichte. Das hat mir sehr gut gefallen. Gerade die kleinen Momente entfalten dabei eine enorme Wirkung. Die Hitze unter dem Binder. Die Luftnot. Die falschen Anreden. Die Blicke anderer Menschen. Identität wird hier nicht erklärt, sondern erlebt. Zwischen Familienfeiern, Familienfehden, jede Menge Schnaps und Erinnerungen in einem Land, das gleichzeitig vertraut und fremd wirkt, begibt sich Lazi auf die Suche nach den Ursprüngen von Gewalt, Scham und Schweigen. Gleichzeitig erzählt der Roman von Identität, Zugehörigkeit und der Frage, wie man seinen Platz in einer Familie findet, die manches lieber verdrängt als ausspricht. Queerness ist dabei ein wichtiger Teil des Romans, aber nicht seine einzige Aussage. Lazi wird nie auf die eigene Geschlechtsidentität reduziert. Der Konflikt verläuft nicht nur zwischen Lazi und einer konservativen Gesellschaft in Ungarn, sondern auch durch die eigene Familie. Im Text wird Lazi nie mit einem Personalpronomen bezeichnet. Das wirkt zunächst unscheinbar, passt aber erstaunlich gut zu einem Roman, der sich immer wieder mit Identität, Wahrnehmung und Zugehörigkeit beschäftigt. Besonders gut gefallen hat mir der Ton des Romans. Die Sprache ist kraftvoll, manchmal derb und wütend und dann wieder wunderschön. Dabei wirkt nie aufgesetzt oder künstlich literarisch. Sie hat Dreck unter den Fingernägeln und genau deshalb funktioniert sie so gut. King Cobra ist kein Buch, das man einfach wegliest und anschließend ins Regal stellt. Es bleibt im Kopf. Nicht nur wegen seiner Themen, sondern auch wegen seiner Figuren, seiner Bilder und seiner Sprache. Vielleicht passt deshalb auch die Schlange aus dem Titel so gut zu diesem Roman. Nicht als Bedrohung, sondern als Bild der Verwandlung. Für das Häuten. Für das Ablegen alter Rollen. Für die Frage, wer man wird, wenn man nicht länger der Mensch sein möchte, für den andere einen halten. Ein starkes Debüt über Familie, Identität, Scham, Schweigen und Selbstbehauptung. Rau, zärtlich, wütend und voller Leben. 4,5 von 5 Sternen⭐️ Zitate: „An diesem wie an jedem Abend rieb sich Budapest mit dem Rostgold seiner Restsonne ein und glänzte dabei wie ein verschwitztes Zuchtpferd, das kurz vor dem Schlachthof noch mal auf die Parade geschickt wird.“ „Der Schlaf räumte Albträume in Lazis Körper wie dreckiges Geschirr zum sauberen, aber er war tief und fast erholsam.“ „Der Himmel legte seine Stirn in tausend Falten, zog sie zusammen, enger, enger, und erbrach aus seiner Zornesfalte eine Wand aus Regen.“ Muri Darida erzählt in den schönsten Worten und Farben von einem Menschen, der sich gleichzeitig wiederfinden und neu erfinden muss. Ein bisschen so wie eine Schlange, die sich häutet. (Lydia Herms)