3.6

Herr der Fliegen

von William Golding, Peter Torberg

Format:Hardcover

In seiner Dunkelheit der Perspektive ist es geradezu peinigend aktuell, in der didaktischen Schärfe des Motivspiels noch immer interessant. Näher dran jetzt am englischen Original.

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
224 Seiten • Hardcover
Erschienen an: June 23, 2016

Was ist bookie?

  • Gratis Lieferung in Deutschland
  • Finde Bücher die zu dir passen
  • Tracke dein Leseverhalten und setze dir Ziele
  • Connecte dich mit anderen Leser*innen

Aktuelle Rezensionen(6)

3.6(70 ratings)
ㅤㅤㅤRezension von ㅤㅤㅤ

𝗠𝗜𝗧 𝗦𝗣𝗢𝗜𝗟𝗘𝗥 𝘏𝘦𝘳𝘳 𝘥𝘦𝘳 𝘍𝘭𝘪𝘦𝘨𝘦𝘯 ist für mich eines dieser Bücher, bei denen ich die Idee hinter der Geschichte deutlich besser finde als ihre Umsetzung. Die Grundprämisse fand ich von Anfang an interessant: Eine Gruppe Jungen strandet ohne Erwachsene auf einer Insel und muss sich selbst organisieren. Was zunächst wie ein Abenteuer klingt, entwickelt sich immer mehr zu einer Untersuchung von Macht, Gruppendynamik, Gewalt und der Frage, was eigentlich passiert, wenn die gesellschaftlichen Strukturen wegfallen, die unser Zusammenleben normalerweise bestimmen. Gerade die Entwicklung der Jungen fand ich dabei sehr spannend. Schon früh wird deutlich, dass sie ihre Vorstellungen von Hierarchie, Führung und Männlichkeit nicht erst auf der Insel entwickeln, sondern diese bereits aus ihrer Gesellschaft mitbringen. Ralph wird zum Anführer, weil er selbstbewusst auftritt und die Muschel besitzt – nicht unbedingt, weil irgendjemand ernsthaft hinterfragt, ob er tatsächlich die Fähigkeiten besitzt, eine Gruppe zu führen. Jack wiederum scheint zunehmend in eine Rolle hineinzuwachsen, in der Härte, Mut und Gewalt miteinander gleichgesetzt werden. Besonders interessant fand ich dabei, wie sehr seine Gesichtsbemalung seine Persönlichkeit zu verändern scheint. Für mich kann sie nicht nur als Verkleidung, sondern auch als eine Form von Anonymität gelesen werden: Hinter der Maske kann Jack sich von seinem bisherigen Selbst und damit auch von Verantwortung und Hemmungen distanzieren. Überhaupt spielt das Äußere eine erstaunlich große Rolle. Während Jack sein Gesicht bemalt, um eine andere Identität anzunehmen, wäscht Ralph sich und kämmt seine Haare, um wieder „zivilisiert“ zu wirken. Ich fand gerade diese Gegenüberstellung interessant, weil sie zeigt, wie sehr Menschen Äußerlichkeiten brauchen können, um sich selbst in einer bestimmten Rolle zu sehen. Gleichzeitig wird deutlich, wie absurd die Vorstellung ist, dass saubere Haare, Kleidung oder bestimmte Umgangsformen einen Menschen automatisch zivilisierter oder moralischer machen. Besonders beschäftigt hat mich deshalb die Frage, was „Zivilisation“ überhaupt bedeutet. Anfangs dachte ich noch stärker darüber nach, wie Zivilisation zusammenbrechen kann. Im Laufe des Buches habe ich mich aber immer mehr gefragt, ob „Zivilisiertheit“ überhaupt etwas Objektives ist. Die Muschel ist dafür ein gutes Beispiel. Zunächst besitzt sie eine enorme Bedeutung, weil die Jungen gemeinsam beschlossen haben, dass sie für Ordnung und das Recht zu sprechen steht. Ihre Macht existiert also nur, solange die anderen diese Bedeutung anerkennen. Als diese gemeinsame Überzeugung zerfällt, kann die Muschel niemanden mehr dazu bringen, sich an die Regeln zu halten. Beim Feuer ist es dagegen anders. Das Feuer ist nicht deshalb wichtig, weil die Jungen beschlossen haben, dass es wichtig ist. Es ist wichtig, weil es ihnen tatsächlich beim Überleben hilft. Dadurch entsteht für mich ein interessanter Gegensatz zwischen dem, was Menschen gesellschaftlich als wichtig festlegen, und dem, was unabhängig von solchen Vereinbarungen tatsächlich notwendig ist. Auch Piggy fand ich in diesem Zusammenhang interessant – wenn auch gleichzeitig unglaublich nervig. Ich konnte vollkommen verstehen, warum er ständig „Ich habe die Muschel!“ ruft. Er wurde permanent unterbrochen, ausgelacht und nicht ernst genommen, und die Muschel war das Einzige, was ihm überhaupt eine Stimme verschaffte. Gleichzeitig fand ich es bemerkenswert, wie verzweifelt er an diesem System festhält, obwohl es längst nicht mehr funktioniert. Selbst als sie nur noch wenige sind, muss er immer wieder darauf bestehen, dass er die Muschel besitzt. Er glaubt an eine Ordnung, obwohl die gemeinsame Anerkennung dieser Ordnung bereits zerbrochen ist. Sehr interessant fand ich auch die Darstellung von Männlichkeit. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass die Jungen bestimmte Dinge tun müssen, um als stark, mutig oder männlich zu gelten. Besonders absurd fand ich die Szene, in der das Zusammenbinden der Haare plötzlich mit „Ich bin doch kein Mädchen“ verbunden wird. Es handelt sich um eine vollkommen praktische Handlung, aber Ralph braucht offenbar sogar die Bestätigung anderer Jungen, bevor er sie akzeptieren kann. Dass „Mädchen“ dabei als etwas verwendet wird, von dem man sich unbedingt abgrenzen muss, fand ich ziemlich bezeichnend. Gleichzeitig zeigt das Buch immer deutlicher, wie zerstörerisch genau die Vorstellungen von Härte und Stärke werden, an denen die Jungen festhalten. Auch die Verwendung des Begriffs „Wilde“ fand ich zunehmend problematisch und interessant. Spätestens als Ralph selbst von „angemalten Indianern“ spricht, wird deutlich, dass hier Vorstellungen aufgegriffen werden, mit denen indigene Gemeinschaften historisch als „wild“ und damit als weniger zivilisiert dargestellt wurden. Ich würde Jack und seine Gruppe deshalb nicht einfach eins zu eins als indigene Menschen interpretieren. Interessanter finde ich, dass die Jungen selbst einen solchen Zivilisierungsdiskurs übernehmen: Sie erklären sich zu den Zivilisierten und die anderen zu den Wilden, obwohl beide Gruppen aus denselben Jungen bestehen und auch Ralphs Gruppe zunehmend Gewalt ausübt. Damit wird für mich eine der stärksten Fragen des Buches sichtbar: Wer entscheidet eigentlich, was zivilisiert und was wild ist? Ist ein Mensch automatisch zivilisiert, nur weil er Regeln besitzt, sich die Haare kämmt und eine Muschel als Symbol für Ordnung benutzt? Und ist jemand automatisch „wild“, weil er jagt, sich bemalt oder in einer anderen Gemeinschaft lebt? Auch die Darstellung der Tiere fand ich in diesem Zusammenhang interessant. Kooperation, Fürsorge und soziale Bindungen sind schließlich keine Eigenschaften, die ausschließlich Menschen besitzen. Tiere können ebenfalls zusammenleben, sich gegenseitig unterstützen und Konflikte vermeiden. Trotzdem stellt der Mensch solche Eigenschaften gerne als Beweis seiner eigenen „Zivilisiertheit“ dar. Für mich wurde dadurch immer fragwürdiger, ob Zivilisation tatsächlich mit moralischem Fortschritt gleichgesetzt werden kann. Besonders stark fand ich das Ende, weil sich hier vieles wiederholt und gleichzeitig umkehrt. Nachdem Piggy getötet wurde, versucht Ralph selbst, sich einzureden, dass der Stamm nicht so böse sein könne und es nur ein Unfall gewesen sei. Damit übernimmt er plötzlich genau die Argumentation, die Piggy nach Simons Tod benutzt hatte. Was Ralph zuvor noch nicht verdrängen konnte, versucht er nun selbst zu verdrängen. Für mich zeigt das sehr deutlich, wie leicht Menschen ihre eigenen Handlungen oder die ihrer Gruppe rechtfertigen, wenn die Realität zu grausam wird, um sie anzuerkennen. Und dann kommen endlich die Erwachsenen – auf die die Jungen die ganze Zeit gewartet haben. Nur ist es ausgerechnet ein Marineoffizier, der sie findet. Seine Reaktion auf die Jungen fand ich fast schon zynisch: Er erwartet von britischen Kindern mehr, als sich auf der Insel so zu verhalten. Gleichzeitig kommt er selbst aus einer Welt, in der Gewalt und Töten institutionalisiert sind. Die Jungen haben Gewalt auf der Insel erlebt und ausgeübt, während die Erwachsenen Gewalt in Form von Krieg organisieren und gesellschaftlich legitimieren. Der Unterschied scheint also nicht unbedingt darin zu liegen, ob Gewalt stattfindet, sondern wie sie bezeichnet, gerechtfertigt und in ein System eingebettet wird. Auch seine Reaktion auf die weinenden Jungen passt für mich dazu. Nach allem, was passiert ist, werden sie nicht einfach aufgefangen, sondern sollen sich zusammenreißen. Wieder taucht diese Vorstellung von Härte und emotionaler Selbstkontrolle auf. Dadurch hatte ich am Ende tatsächlich das Gefühl, dass die Jungen die Vorstellungen von Männlichkeit und Stärke nicht auf der Insel erfunden haben. Sie haben sie aus der Welt mitgebracht, aus der sie stammen. Und genau deshalb finde ich die zentrale Message des Buches wirklich gut. 𝘏𝘦𝘳𝘳 𝘥𝘦𝘳 𝘍𝘭𝘪𝘦𝘨𝘦𝘯 stellt viele Fragen, die auch heute noch relevant sind: Wie entstehen Machtstrukturen? Warum folgen Menschen Gruppen? Wie schnell können Regeln ihre Bedeutung verlieren? Wie rechtfertigen wir Gewalt? Und wie viel von dem, was wir „Zivilisation“ nennen, ist tatsächlich moralischer Fortschritt – und wie viel davon ist ein gemeinsames System aus Regeln, Symbolen und Vorstellungen, an das wir glauben? Trotzdem muss ich ganz ehrlich sagen: Ich fand das Buch als Leseerlebnis nicht besonders gelungen. Mit Goldings Schreibweise bin ich bis zum Schluss nicht wirklich warm geworden. Gerade die Satzstruktur und die teilweise schwer zugängliche Erzählweise haben mir das Lesen unnötig erschwert. An vielen Stellen fand ich die Geschichte unglaublich interessant, aber gleichzeitig war die Umsetzung für mich so zäh, dass ich mich mehr als einmal gefragt habe: „Wann hört dieses Buch endlich auf?“ Das ist für mich letztendlich das größte Problem: Ich habe beim Lesen unglaublich viele Gedanken entwickelt und finde die Themen und die Message des Buches wirklich spannend – aber ich habe das Buch selbst nicht besonders gerne gelesen. Deshalb bleibt für mich am Ende wieder dieses Gefühl: eine wirklich gute Idee, interessante gesellschaftliche und philosophische Fragen, aber leider eine Umsetzung, die mich nicht überzeugen konnte. Ich bin froh, 𝘏𝘦𝘳𝘳 𝘥𝘦𝘳 𝘍𝘭𝘪𝘦𝘨𝘦𝘯 gelesen zu haben, weil es mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben hat. Aber ich glaube, ich hätte dieselben Gedanken lieber in einer anderen sprachlichen Umsetzung entwickelt.

Katjaliest🩷Rezension von Katjaliest🩷

Ich habe das Buch in der Schulzeit (1990) gelesen. Ich bekomme die Geschichte jetzt wieder einfach nicht aus dem Kopf. Ein sehr spannendes und auch verstörendes Thema. Absolute Leseempfehlung!

reersomatRezension von reersomat

Der Einstieg ist bewusst ruhig und lässt früh erahnen, dass diese Geschichte kein gutes Ende nimmt – ein mulmiges Gefühl begleitet die ersten Kapitel. Im letzten Drittel steigert sich die Spannung enorm: Man kann das Buch kaum aus der Hand legen und fiebert regelrecht mit.

MelinaRezension von Melina

Sehr tolles Buch, für meinen Geschmack wird die Natur sehr viel beschrieben, was mir manchmal etwas zu repetitive ist.

Nadine Rezension von Nadine

Ein Buch, das jeder gelesen haben sollte. Wirklich großartig!

Ähnliche Bücher

Haruki Murakami

Herman Melville

Carlos Ruiz Zafon

F. Scott Fitzgerald

Thomas Mann

Antoine De Saint-Exupery

Stephen King

Günter Grass