Unlearn Patriarchy
von Kenza Ait Si Abbou, Madeleine Alizadeh (dariadaria), Ise Bosch, Teresa Bücker, Olaolu Fajembola, Tebogo Nimindé-Dundadengar, Laura Gehlhaar, Linus Giese, Kübra Gümüşay, Kristina Lunz, Lena Marbacher, Friederike Otto, Margret Rasfeld, Emilia Roig
Obwohl wir inzwischen im 21. Jahrhundert leben, herrscht noch immer das Patriarchat. Warum zur Hölle ist das so? Und was kann jede: r persönlich dazu beitragen, die häufig unbewussten toxischen Strukturen zu erkennen und aufzulösen? Dieser Sammelband mit bekannten Autor:innen bietet Hilfestellung. Sich gegen das Patriarchat zur Wehr zu setzen, ist besonders im Alltag schwierig. Denn Vieles ist uns so vertraut, dass wir es gar nicht hinterfragen. Sogar bekennende Feminist:innen tappen immer wieder in die gleichen Fallen. Wir schließen Frauen durch Sprache aus, folgen veralteten Vorstellungen von einer glücklichen Kleinfamilie inklusive traditionellen Rollenbildern. Oder wir passen uns männergemachten und kapitalistischen Strukturen an, wenn wir im Beruf erfolgreich sein wollen. Die Beitragenden der Anthologie UNLEARN PATRIARCHY berichten von ihren Erfahrungen und spüren eigenen fatalen Denkmustern nach. Sie zeigen, wie über alle Gesellschaftsbereiche hinweg von Sprache und Liebe über Arbeit bis hin zu Politik, Bildung oder Identität die patriarchalen Handlungsmuster gebrochen werden können und ein besseres Leben für alle möglich wird. »Große strukturelle Denkhindernisse werden in diesem Buch von klugen Köpfen analysiert. Sie helfen zu verlernen, was Gegenwart und Zukunft zerstört!« Luisa Neubauer
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Unlearn Patriarchy
von Kenza Ait Si Abbou, Madeleine Alizadeh (dariadaria), Ise Bosch, Teresa Bücker, Olaolu Fajembola, Tebogo Nimindé-Dundadengar, Laura Gehlhaar, Linus Giese, Kübra Gümüşay, Kristina Lunz, Lena Marbacher, Friederike Otto, Margret Rasfeld, Emilia Roig
Obwohl wir inzwischen im 21. Jahrhundert leben, herrscht noch immer das Patriarchat. Warum zur Hölle ist das so? Und was kann jede: r persönlich dazu beitragen, die häufig unbewussten toxischen Strukturen zu erkennen und aufzulösen? Dieser Sammelband mit bekannten Autor:innen bietet Hilfestellung. Sich gegen das Patriarchat zur Wehr zu setzen, ist besonders im Alltag schwierig. Denn Vieles ist uns so vertraut, dass wir es gar nicht hinterfragen. Sogar bekennende Feminist:innen tappen immer wieder in die gleichen Fallen. Wir schließen Frauen durch Sprache aus, folgen veralteten Vorstellungen von einer glücklichen Kleinfamilie inklusive traditionellen Rollenbildern. Oder wir passen uns männergemachten und kapitalistischen Strukturen an, wenn wir im Beruf erfolgreich sein wollen. Die Beitragenden der Anthologie UNLEARN PATRIARCHY berichten von ihren Erfahrungen und spüren eigenen fatalen Denkmustern nach. Sie zeigen, wie über alle Gesellschaftsbereiche hinweg von Sprache und Liebe über Arbeit bis hin zu Politik, Bildung oder Identität die patriarchalen Handlungsmuster gebrochen werden können und ein besseres Leben für alle möglich wird. »Große strukturelle Denkhindernisse werden in diesem Buch von klugen Köpfen analysiert. Sie helfen zu verlernen, was Gegenwart und Zukunft zerstört!« Luisa Neubauer
Aktuelle Rezensionen(1)
𝘜𝘯𝘭𝘦𝘢𝘳𝘯 𝘗𝘢𝘵𝘳𝘪𝘢𝘳𝘤𝘩𝘢𝘳𝘺 hat für mich stark begonnen, wurde im Verlauf aber zunehmend enttäuschender. Nicht, weil jeder Text meinem persönlichen Verständnis von Feminismus entsprechen müsste, sondern weil ich mich immer häufiger gefragt habe: Was genau soll hier eigentlich verlernt werden? 𝟭. 𝗩𝗼𝗻 „𝗨𝗻𝗹𝗲𝗮𝗿𝗻“ 𝘇𝘂 „𝗟𝗲𝗮𝗿𝗻“ Teilweise hatte ich das Gefühl, dass patriarchale Vorstellungen nicht wirklich verlernt, sondern lediglich neu arrangiert werden. Aus alten Normen werden vermeintlich fortschrittlichere Lebensmodelle, ohne die zugrunde liegende Kategorie selbst infrage zu stellen. Gerade bei Partnerschaft, Sexualität und Familie empfinde ich das als problematisch. Für mich sollte Feminismus nicht nur ermöglichen, patriarchale Lebensmodelle freier zu gestalten, sondern auch die Vorstellung auflösen, dass Partnerschaft, Sex oder Kinder überhaupt erstrebenswerte Bestandteile eines emanzipierten Lebens sein müssen. 𝟮. „𝗨𝗻𝗹𝗲𝗮𝗿𝗻 𝗦𝗲𝘅“ – 𝗕𝗲𝗳𝗿𝗲𝗶𝘂𝗻𝗴 𝗱𝘂𝗿𝗰𝗵 𝗦𝗲𝘅? Bei „Unlearn Sex“ hat mich besonders die Verbindung von Sexualität, Behinderung und Emanzipation irritiert. Einerseits wird thematisiert, dass behinderte Menschen häufiger sexualisierte Gewalt erfahren, andererseits wirkt die eigene sexuelle Erfahrung stellenweise beinahe wie ein persönlicher Erfolg. Natürlich ist es wichtig, behinderte Menschen nicht als asexuell oder unfähig zu selbstbestimmter Sexualität zu betrachten. Aber sexuelle Selbstbestimmung bedeutet für mich nicht, Sex zu haben, sondern selbst entscheiden zu können, ob man ihn möchte. Das gilt unabhängig davon, ob man Männer, Frauen, Menschen anderer Geschlechter oder niemanden begehrt. 𝟯. „𝗨𝗻𝗹𝗲𝗮𝗿𝗻 𝗙𝗮𝗺𝗶𝗹𝘆“ – 𝘂𝗻𝗱 𝗱𝗶𝗲 𝗙𝗿𝗮𝗴𝗲, 𝗼𝗯 𝗞𝗶𝗻𝗱𝗲𝗿 𝗱𝗮𝘇𝘂𝗴𝗲𝗵𝗼̈𝗿𝗲𝗻 𝗺𝘂̈𝘀𝘀𝗲𝗻 Auch bei „Unlearn Family“ störte mich, wie selbstverständlich Familie mit Kindern verbunden wird. Familie kann Kinder einschließen, muss es aber nicht. Freundschaften, Wahlverwandtschaften und andere Fürsorgegemeinschaften können ebenso Familie sein. Besonders fragwürdig fand ich die Ansicht der Autorin, man könne eine Chance verpasst haben, wenn man erst im mittleren Erwachsenenalter beginnt, sein Familienverständnis zu hinterfragen. Erkenntnis ist nicht wertlos, nur weil sie spät kommt. Gerade ein Buch über „Unlearning“ sollte dafür Raum lassen. 𝟰. 𝗭𝘂 𝘃𝗶𝗲𝗹 𝗦𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁𝗯𝗲𝘁𝗿𝗮𝗰𝗵𝘁𝘂𝗻𝗴, 𝘇𝘂 𝘄𝗲𝗻𝗶𝗴 𝘀𝘁𝗿𝘂𝗸𝘁𝘂𝗿𝗲𝗹𝗹𝗲 𝗔𝗻𝗮𝗹𝘆𝘀𝗲 Mit zunehmendem Lesen hatte ich immer häufiger den Eindruck, eher persönliche Monologe als gesellschaftlich analytische Essays zu lesen. Persönliche Erfahrungen sind wertvoll – aber mich interessiert vor allem, was sie über die Strukturen aussagen, in denen wir leben. Bei manchen Texten blieb deshalb die Frage: Was soll ich hier eigentlich verlernen? 𝟱. „𝗨𝗻𝗹𝗲𝗮𝗿𝗻 𝗚𝗲𝗹𝗱“ – 𝗣𝗿𝗶𝘃𝗶𝗹𝗲𝗴𝗶𝗲𝗻 𝗯𝗲𝗻𝗲𝗻𝗻𝗲𝗻 𝗿𝗲𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 „Unlearn Geld“ war für mich der schwächste Text. Schon formal hat er mich irritiert, weil er sich kaum wie ein Essay angefühlt hat, sondern eher wie eine Kurzgeschichte: Eine wohlhabende Frau führt eine Unterhaltung mit einer Göttin darüber, was alles kreativ und extravagant verkauft werden soll. Was zunächst wie eine ungewöhnliche literarische Idee wirkt, mündet für mich jedoch vor allem in Selbstmitleid. Die Autorin beschreibt, dass sie ihre privilegierte Position zwar versteht, aber nicht weiß, was sie damit anfangen soll, und fragt am Ende eine ebenfalls privilegierte Kollegin um Rat. Beim Lesen empfand ich dabei durchgehend eine geradezu unangenehme Fremdscham, weil die Inszenierung für mich zunehmend befremdlicher wirkte als die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Und genau dort endet der Text: mit der Ankündigung, dass sie diesen Rat suchen möchte. Damit bleibt für mich praktisch keine Aussage zurück. Es gibt keine wirkliche Erkenntnis, keine Konsequenz und keinen Gedanken, der über die persönliche Ratlosigkeit hinausgeht. Gerade weil der Text Teil eines Buches mit dem Anspruch ist, patriarchale Strukturen zu „unlearnen“, empfand ich das als besonders enttäuschend. Eine wohlhabende Person kann selbstverständlich feministische Perspektiven einbringen. Aber Privilegien zu benennen bedeutet noch nicht, sie kritisch zu hinterfragen oder Konsequenzen daraus zu ziehen. Gerade bei einem Text über Reichtum hätte ich mir weniger Selbstvergewisserung und Selbstbemitleidung und mehr Auseinandersetzung mit Macht, Klassenverhältnissen und der eigenen Verantwortung gewünscht. Denn sich selbst als feministisch zu bezeichnen, ist noch kein feministisches Handeln. 𝟲. 𝗪𝗶𝘀𝘀𝗲𝗻 𝗶𝘀𝘁 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗘𝘁𝗵𝗶𝗸 Einer der stärksten Gedanken des Buches stammt für mich aus „Unlearn Bildung“: „Wissen schafft keine Ethik.“ Dieser Satz lässt sich auf das gesamte Buch übertragen. Man kann Feminismus, Rassismus und Privilegien theoretisch verstehen und trotzdem entsprechende Strukturen reproduzieren. Deshalb stört mich auch die Bewertung, ein feministisches Buch habe „nichts Neues“ vermittelt. Feminismus ist für mich kein Wissenskanon mit Anfänger:innen, Fortgeschrittenen und Profis. Eine Person kann sehr viel patriarchale Diskriminierung erlebt haben, ohne dafür die theoretischen Begriffe zu kennen. Eine andere kann hundert feministische Bücher gelesen haben und trotzdem eigene patriarchale Muster reproduzieren. Manchmal muss man dieselben Dinge immer wieder lesen, weil patriarchale Vorstellungen uns schließlich auch ständig begegnen. Wiederholung kann genauso wichtig sein wie neue Erkenntnis. Entscheidend ist für mich nicht nur, was ich neu gelernt habe, sondern was dieses Wissen in meinem Denken und Handeln verändert. 𝟳. 𝗗𝗶𝗲 𝗛𝗶𝗲𝗿𝗮𝗿𝗰𝗵𝗶𝗲 𝗱𝗲𝗿 „𝗳𝗲𝗺𝗶𝗻𝗶𝘀𝘁𝗶𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗔𝗻𝗳𝗮̈𝗻𝗴𝗲𝗿:𝗶𝗻𝗻𝗲𝗻“ Auch die häufige Einordnung des Buches als besonders geeignet für „Feminismus-Anfänger:innen“ hat mich irritiert. Zumal vieles im Buch überhaupt nicht erklärt, sondern bereits als bekanntes Wissen vorausgesetzt wird. Natürlich können Menschen unterschiedlich viel theoretisches Wissen besitzen. Aber Feminismus ist für mich kein Ausbildungsweg mit den Stufen Anfänger:in, Fortgeschrittene:r und Profi. Erfahrung und theoretisches Wissen sind nicht dasselbe. Deshalb kann die Aussage „Ich habe nichts Neues gelernt“ schnell zu einer Statusaussage werden: „Ich bin bereits weiter als dieses Buch.“ Das finde ich gerade bei einem Thema wie Feminismus unnötig hierarchisch. 𝟴. 𝗪𝗲𝗿 𝘄𝗶𝗿𝗱 𝘀𝗶𝗰𝗵𝘁𝗯𝗮𝗿? Problematisch fand ich außerdem die teilweise sehr starke Konzentration auf privilegierte Perspektiven. Mir begegneten zu viele Stimmen, die über die Lebensrealitäten weniger privilegierter Menschen sprechen, während diese selbst weniger Raum bekommen. Das gilt auch für Rassismus: Schwarze Perspektiven sichtbar zu machen ist wichtig, darf aber nicht dazu führen, dass asiatische, südasiatische, indigene oder andere Erfahrungen unsichtbar werden. Ebenso greift es mir zu kurz, das Patriarchat hauptsächlich über den „weißen cis Mann“ zu betrachten. Menschen können gleichzeitig diskriminiert werden und an anderer Stelle Macht ausüben. Patriarchale Strukturen betreffen Menschen verschiedener Geschlechter unterschiedlich und werden auch von Menschen verschiedener Geschlechter reproduziert. 𝟵. 𝗦𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁𝗯𝗲𝘇𝗲𝗶𝗰𝗵𝗻𝘂𝗻𝗴 𝗶𝘀𝘁 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗣𝗿𝗮𝘅𝗶𝘀 Für mich reicht es nicht, sich selbst als feministisch, antirassistisch oder anderweitig progressiv zu bezeichnen. Eine politische Haltung zeigt sich darin, wie man lebt, handelt und mit der eigenen Macht umgeht. Niemand muss vollkommen sein. Menschen dürfen widersprüchlich sein, Fehler machen und patriarchale oder rassistische Muster erst erkennen lernen. Aber wenn die Selbstbezeichnung dazu benutzt wird, Kritik abzuwehren, wird sie für mich problematisch. Nicht: „Ich bin Feminist:in, deshalb kann mein Verhalten nicht sexistisch sein.“ Sondern: „Ich bezeichne mich als Feminist:in – und wenn mein Verhalten sexistisch ist, muss ich mich damit auseinandersetzen.“ 𝟭𝟬. 𝗩𝗶𝗲𝗹𝗹𝗲𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗶𝘀𝘁 „𝗨𝗻𝗹𝗲𝗮𝗿𝗻 𝗣𝗮𝘁𝗿𝗶𝗮𝗿𝗰𝗵𝘆“ 𝗱𝗲𝗿 𝗳𝗮𝗹𝘀𝗰𝗵𝗲 𝗧𝗶𝘁𝗲𝗹 Am Ende frage ich mich sogar, ob der Titel meine Erwartungen zu hoch gesetzt hat. Ich glaube nicht, dass wir das Patriarchat einfach vollständig verlernen können. Es ist über Jahrtausende gewachsen und tief in Sprache, Erziehung, Beziehungen, Sexualität, Familie, Arbeit und unsere Vorstellungen von Geschlecht eingeschrieben. Wir können aber lernen, es immer wieder zu erkennen, zu hinterfragen und unser eigenes Handeln zu verändern. Vielleicht hätte ich deshalb weniger neue Lebensmodelle und mehr radikale Fragen erwartet: Nicht nur, wie wir patriarchale Kategorien anders leben können, sondern ob wir diese Kategorien überhaupt noch brauchen. 𝟭𝟭. 𝗪𝗮𝘀 𝗺𝗶𝗿 𝘁𝗿𝗼𝘁𝘇𝗱𝗲𝗺 𝗴𝗲𝗯𝗹𝗶𝗲𝗯𝗲𝗻 𝗶𝘀𝘁 Trotz meiner Kritik fand ich besonders „Unlearn Bildung“ und die Auseinandersetzung mit Sprache wertvoll. „Unlearn Bildung“ hat mir gezeigt, wie viel größer die strukturellen Probleme des Bildungssystems sind, obwohl ich viele davon selbst erlebt hatte. Und die Texte über Sprache haben mir erneut gezeigt, wie viel Macht darin liegt, Menschen sichtbar oder unsichtbar zu machen. Insgesamt bleibt für mich deshalb ein ambivalenter Eindruck: Das Buch enthält wichtige Gedanken, aber je weiter ich gelesen habe, desto stärker hatte ich das Gefühl, dass es weniger darum geht, Patriarchat zu verlernen, als darum, es etwas anders zu gestalten. Und genau davon hätte ich mir unter diesem Titel deutlich mehr gewünscht.