Empfehlungen basierend auf "Die Passantin"
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von Franziska Gänsler
»Mit ihrer präzisen, schnörkellosen Sprache beschreibt Gänsler nicht nur diesen kleinen Kosmos in Gefahr ganz famos, sie zeigt außerdem anschaulich, wie sehr Klimawandel auch gesellschaftlichen Wandel bedeutet.« Doris Kraus, Presse am Sonntag, 07.08.2022
von Anne Tyler
»Anne Tyler ist die Weltmeisterin der feinen Haarrisse im Lebensgebäude, so auch in ›Drei Tage im Juni‹ (...) Entdecken Sie die Bücher der Anne Tyler, sie werden Sie nicht mehr loslassen und Ihnen ein übers andere Mal zeigen: Das perfekte Leben gibt es nicht.« Elke Heidenreich, BUNTE, 13.02.2025
von Charlotte McConaghy
Dominic Salt lebt mit seinen drei Kindern auf einer verlassenen Insel, irgendwo zwischen Australien und Antarktis. Weil das kleine Stück Land langsam vom steigenden Wasser verschlungen wird, ist das Forschungsteam, zu dem auch Dominic gehörte, längst abgereist, und bald soll auch die Familie ans Festland zurückkehren. Doch wird in einer folgenreichen Sturmnacht plötzlich eine Frau an die Küste gespült. Sie ist schwer verletzt, fast erfroren. Wer ist die Fremde? Und wie ist sie ausgerechnet nach Shearwater geraten? Während die Kinder sich von ihrer atemberaubend schönen Insel verabschieden müssen, von den Seelöwen, den Albatrossen und den sturmumtosten Klippen, beginnen die fünf Menschen, einander zu umkreisen, ihre Sehnsüchte und Geheimnisse zu teilen und sich zu fragen: Welche Entscheidungen müssen wir treffen, um die Menschen zu schützen, die wir lieben?
von Anne Freytag
Als Ferdinand von einem »Sommer auf dem Meer« sprach, hatte Nora etwas anderes im Sinn: weniger abgelegen, weniger beruflich. Auch Franziska ahnte nicht, worauf sie sich einließ, als ihr Mann Kilian einen Urlaub zu siebt ankündigte: mit seinem Chef Walter Bronstein, Ferdinand Mattern, seinem größten Konkurrenten, den drei Ehefrauen und Walters Sohn David. Auf der luxuriösen Superyacht in den Philippinen mangelt es ihnen an nichts, es könnte eine entspannte Zeit sein, aber die Gäste ahnen: Bei diesem Trip geht es um mehr, um etwas Großes. Nur worum genau, das scheint keiner zu wissen. Wieso hat Walter die beiden Kontrahenten und ihre Frauen eingeladen? Zwei Paare in den Vierzigern, die Kinder aus dem Gröbsten raus, die Eigenheime abbezahlt, die Karrieren steil – die der Männer, versteht sich. Alle zeigen sich von ihrer besten Seite. Es wird strahlend gelächelt und gekonnt konversiert. Eheleute, wie man sie sich nicht glücklicher ausmalen könnte. Aber nichts ist, wie es scheint. Sie alle spielen eine Rolle in dieser Inszenierung. Aber für wen? Und wer führt Regie? Anne Freytag beobachtet präzise und deckt schonungslos auf, was sie sieht. Sie erzählt mit großer Dringlichkeit von stillschweigenden Übereinkünften, die aufgekündigt werden, Erwartungs- haltungen und Enttäuschungen, Bedürfnissen und Begierden, Konventionen und Geheimnissen.
von Lena Schätte
Motte wird sie von ihrem Vater genannt. Eigentlich hat sie sogar zwei Väter: den einen, der schnell rennen kann und sich auf alle Fragen eine Antwort ausdenkt. Und den anderen, der von der Werkshalle ins Büro versetzt wird, damit er sich nicht volltrunken die Hand absägt. Und das mit dem Alkohol, sagt die Mutter, war eigentlich bei allen Männern in der Familie so.Auch Motte trinkt längst mehr, als ihr gut tut. Schon als Kind hat sie beim Schützenfest die Reste ausgetrunken, bis ihr warm wurde. Jetzt, als junge Frau, schläft sie manchmal im Hausflur, weil sie mit dem Schlüssel nicht mehr das Schloss trifft. Ihr Freund stützt sie, aber der kann meistens selbst nicht mehr richtig stehen. Nur ihr Bruder, der Erzieher geworden ist, schaut jeden Tag nach ihr. Als bei ihrem Vater Krebs im Endstadium diagnostiziert wird, sucht Motte nach einem Weg, sich zu verabschieden – vom Vater und vom Alkohol.
von Ayelet Gundar-Goshen
Ayelet Gundar-Goshen inszeniert einen inneren Konflikt, der die Figuren und Lesenden gleichermaßen in seinen Bann zieht. Und sie schafft davon ausgehend ein packendes Psychodrama über Schuld und Rache, über die Flucht vor Verantwortung und über Mitgefühl, das sich an unerwarteten Orten zeigt.Naomi ist nicht begeistert, als sie sich allein mit ihrem einjährigen Sohn Uri und einem arabischen Handwerker in ihrer Wohnung in Tel Aviv wiederfindet. Ihr Mann Juval hat ihn mit der Renovierung ihres Balkons beauftragt, während er selbst bei der Arbeit ist. Sie fühlt sich unwohl in der Präsenz des fremden Mannes, zumal Uri eigentlich seinen Vormittagsschlaf halten sollte und allmählich quengelig wird. Während sie Kaffee zubereitet, entsteht plötzlich auf der Gasse vor dem Haus ein Aufruhr, ein Teenager ist von einem herabstürzenden Hammer erschlagen worden. Naomi wird schnell klar, dass ihr Sohn den Hammer in einem unbeaufsichtigten Moment vom Balkon gestoßen haben muss. Doch der Verdacht fällt nicht auf die israelische Familie, sondern auf den arabischen Arbeiter. Als er wenig später zum Verhör abgeführt wird, ist Naomi wie gelähmt, es gelingt ihr nicht, die Wahrheit zu sagen.Eine Geschichte, die mit einer harmlosen Tasse Kaffee beginnt, wird zu einer gefährlichen Tour zwischen Stadt und Dorf, bei der keiner der Beteiligten so bleibt, wie er war.
von Sarah Kuttner
Eine Tochter steht in der Wohnung ihrer plötzlich verstorbenen Mutter. Die Mutter ist fort, ihre gesamten Ersparnisse auch. Was bleibt, sind Fragen: Warum ist die Wohnung so chaotisch, der Briefkasten so voll? Und wie ist es überhaupt möglich, seine eigene Mutter an einen Heiratsschwindler zu verlieren? Sarah Kuttner erzählt die Geschichte einer Frau, die Liebe suchte und auf einen Love Scammer traf. Die sich verliebte und die Augen verschloss. Die nichts zurückließ, außer einem schier endlosen Chat mit dem Betrüger. Vor allem aber ist es die Geschichte einer Tochter, die zurückbleibt, mit einer Leerstelle, wo einmal die Mutter war. Also liest die Tochter die Nachrichten, die nicht für sie bestimmt waren, liest Dinge über sich selbst, die sie nie wissen wollte. Und doch, ganz langsam, füllt sich die Leerstelle mit einer Nähe, wie sie beiden zu Lebzeiten nicht möglich war. Vom Gefühl der Schuld, vom Schmerz des Zurückbleibens, und von der ungewollten Intimität eines Nachlasses: Sarah Kuttner schildert in ihrem neuen Roman »Mama & Sam« eine Ausnahmesituation, wie es sie gar nicht selten gibt. 
von Laila Lalami
Du bist ein guter Mensch; wenn du eine Katastrophe aufhalten könntest, würdest du es wahrscheinlich tun. Bei jeder Schlagzeile über den Mord an einer Frau stellst du dir sofort die Frage, warum nie jemand eingeschritten ist – obwohl sie Platzwunden und blaue Flecke hatte und sich ärztlich behandeln ließ, obwohl ihr Freund sich wiederholt über das gerichtliche Kontaktverbot hinweggesetzt hat und trotz der alarmierenden Nachrichten, die er ihr schickte und in denen er in allen Details beschrieb, was er plante. Wenn im Park eine Kinderleiche gefunden wird, fragst du dich laut, ob denn niemand jemals den cholerischen alkoholkranken Vater bemerkt hat, den Sportlehrer, der sich in den Duschen herumtrieb, den seltsamen Typ, der auf der Bank am Spielplatzrand saß und gaffte. Stell dir die Frauen vor. Die Kinder. Was, wenn du sie vor solchen Monstern retten könntest? Du musst dafür nicht einmal etwas tun. Du hast längst die allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptiert. 1Der Traum weicht der Wirklichkeit – oder umgekehrt. Sie befreit sich aus dem verhedderten Laken und stolpert in den Gang. Wartet barfuß auf dem nackten Boden, bis das Klingeln aufhört. Regungslos, mit durchgedrückten Beinen, steht sie da, den Blick auf einen Punkt in mittlerer Distanz gerichtet. Wenn sie im Madison etwas gelernt hat, dann, dass Wohlverhalten im Körper beginnt. Der Trick besteht darin, jedes Aufflackern von Persönlichkeit, jeden Hinweis auf Anderssein zu verbergen. Aus weißen Kuppeln an der Decke sehen die Kameras zu. Weitere Frauen stellen sich neben ihr auf, reiben sich den Schlaf aus den Augen, blinzeln unter den verchromten Leuchten, die noch von 1939 stammen, als das Madison eine Grundschule war, die jeden Herbst bis zu vierhundert Kinder aufnahm. Damals gab es in dem Städtchen Ellis eine Fabrik, die landwirtschaftliche Geräte produzierte, ein Kino, eine stets gut besuchte Billardhalle, zwei einfache Hotels sowie natürliche heiße Quellen, die noch aus dem hundertfünfzig Kilometer entfernten Los Angeles Touristen anzogen. Ein Jahrhundert später hatte die Fabrik dichtgemacht, und die Quellen waren versiegt. Das Schulgebäude hatte leer gestanden, und an den Wänden hatte der Schimmel gewuchert. Schließlich hatte der Stadtrat den Bau an Safe-X verkauft. Weil es hinsichtlich der Sanierung bestimmte rechtliche Auflagen gab, mussten die neuen Eigentümer zwar die originalen Leuchten und alle Metallteile erhalten, aber die Tafeln warfen sie weg, nahmen die Karten der Bundesstaaten und die ABC-Schaubilder von den Wänden, ließen das Mobiliar versteigern und verwandelten das Obergeschoss in einen Gefängnistrakt. Als man sie an ihrem ersten Tag zu ihrer Pritsche in 208 brachte, wurde ihr vom Gestank des Bodenputzmittels übel. Sie zog und zerrte am Fenster, dass die Knöchel weiß anliefen, und begriff erst nach einiger Zeit, dass es zugeschweißt war. Inzwischen stört sie der künstliche Kiefernduft nicht mehr so sehr. Das Leben mit fremden Menschen in kahlen Räumen, ihre Nähe in der offenen Gemeinschaftsdusche und in der Schlange vor den KommKabs, den Kommunikationskabinen, hat sie gegen eher intime Gerüche empfindlich gemacht. Die Creme, die ihre Zimmergenossin wegen des Ausschlags verwendet, den sie im Knast bekommen hat, riecht sie aus eineinhalb Metern Entfernung. Wenn eine Frau das Madison als Knast bezeichnet, werden die Aufseher sauer. Wir sind ein Einbehaltungszentrum, sagen sie, kein Gefängnis, keine Vollzugsanstalt. Man hat Sie nicht verurteilt, Sie sitzen hier keine Haftstrafe ab. Sie werden nur bis zum Abschluss Ihrer forensischen Beobachtung einbehalten. Und wie lange noch?, fragt immer irgendeine. Kommt darauf an, sagen die Aufseher. Manche Einbehaltene bleiben nur drei Wochen, manche müssen etwas länger warten. Die Aufseher bezeichnen die Frauen niemals als Häftlinge. Sie nennen sie Einbehaltene, Bewohnerinnen, Registrierte, hin und wieder auch Programmteilnehmerinnen. Um sieben Minuten nach sechs taucht Hinton auf. Offenbar war viel Verkehr auf dem Highway, oder das Sicherheitsbriefing hat sich in die Länge gezogen. Seine Haare sind frisch geschnitten, was seine hohen Wangenknochen und die leuchtenden, hungrigen Augen zur Geltung bringt. Seine feinen Züge sind durch eine Brandnarbe verunziert, die unten am Hals, knapp über dem steifen Uniformkragen, verläuft. Diese Narbe ist im Madison oft Gesprächsthema. Die einen sagen, sie stamme vom großen Tujunga-Feuer, bei dem sein Haus bis auf die Grundmauern abgebrannt ist und sein Hund, angeblich ein Deutscher Schäferhund, umkam. Andere halten die Narbe für alt, für das Überbleibsel eines Unfalls in Hintons Jugendzeit, eines Missgeschicks mit einem Feuerwerkskörper oder einer Prügelei am Lagerfeuer. Aber wer weiß das schon. Jedenfalls verleiht sie ihm ein gewisses Etwas. Sie bewahrt sein Äußeres vor nichtssagender Perfektion. Er geht in aller Ruhe durch den Gang. Vor 202 weist er zwei Einbehaltene zurecht, weil ein Handtuch auf dem Boden liegt. Dass es wahrscheinlich vom Haken gefallen ist, spielt keine Rolle; die Frauen müssen in ihrer Unterkunft Ordnung halten. In 205 gibt es ein anderes Problem, einen überquellenden Papierkorb. Doch erst in 207 zahlt sich seine Wachsamkeit wirklich aus. Er findet unter einer Decke ein batteriebetriebenes Nachtlicht, kleiner als ein Fingernagel. Nach zweiundzwanzig Uhr wach zu sein, ist gegen die Vorschriften, das wissen alle. »Einfach unglaublich «, sagt er und stößt in gespielter Bewunderung einen Pfiff aus. Dann zieht er seinen Tekmerion aus der Brusttasche und tippt auf das Display, um eine Meldung zu machen. »Sie versuchen ja nicht mal, Ihren Wert zu verringern.« Noch zwei Schritte, dann hat er 208 erreicht. Sie riecht schon die Instant-Ramen, die er mit heißem Wasser aus dem Hahn zubereitet und vor Beginn seiner Schicht am Schreibtisch schlürfend und schmatzend gegessen hat. Weiß er, dass sie sich so viele Gedanken über ihn machen? Interessiert ihn das überhaupt? Vielleicht tratscht ja auch er über die Frauen, beim Mittagessen mit den anderen Aufsehern oder wenn nach einer langen Schicht in der Umkleide gelästert wird. Eines ist sicher: Hinton ist stolz auf seine Arbeit, er führt den morgendlichen Geräte-Check lieber selbst durch, als ihn an einen untergeordneten Aufseher zu delegieren. Und er hat es dabei nie eilig, auch wenn die Frauen im Gang vor Kälte bibbern. Und wenn er noch so lange braucht, bis er bei ihr ist – sie senkt nie den Kopf, damit er leichter hinter ihr Ohr greifen kann. Das ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber ihre einzige Chance, Widerstand zu demonstrieren. Er richtet den Scanner auf ihren Hinterkopf, und der Scanner zeigt mit einem Piepston an, dass die Neuroprothese an der Einbehaltenen M-7493002 [Benutzername Sara T. Hussein] nicht über Nacht manipuliert worden ist. Sie will sich gerade umdrehen, da fragt er sie: »Was ist los?« Er sieht ihr in die Augen, ohne zu blinzeln. »Sie wirken heute ziemlich neben der Spur.« Woran erkennt er das? Aber auch den Mund zu halten hat Sara im Madison gelernt. Jede Erwiderung, und sei sie noch so nichtssagend, könnte gegen sie verwendet werden. Sie hofft, dass in ihrer Miene nichts zu lesen ist, und wartet, bis er zu ihrer Zimmergenossin geht. Jetzt kann der Tag beginnen. Ein kühler Morgen im Oktober, der Tag, an dem sie achtunddreißig wird.Den Blick auf den kleinen Spiegel über dem Waschbecken gerichtet, steckt Sara ihr Haar zu einem festen Dutt zusammen. Emily hat schon ihre Schuhe an; sie ist für den Küchendienst eingeteilt und muss dort sein, bevor die Frühstücksklingel ertönt. Die Frauen, die schon länger im Madison sind, wissen die Routine zu schätzen, während sich die Neuen nach dem Geräte-Check meistens gleich wieder hinlegen. Sie leugnen ihre Situation noch, gehen alles, was mit ihnen geschehen ist, immer wieder bis in die kleinsten Einzelheiten durch, weil sie glauben, sie könnten den einen Moment erkennen, in dem sich die Berechnungen des Algorithmus gegen sie gekehrt haben. Sie drehen das Gesicht zur Wand oder starren an die Decke, ohne auf die Schritte im Gang oder das Dröhnen eines Laubbläsers draußen vor dem Gebäude zu reagieren. Abends verlassen sie ihre Zimmer, essen schnell etwas und kehren zu ihrer stillen Meditation zurück. Ans Madison gewöhnt man sich nur langsam – nicht nur an das Zentrum, auch an die Idee, die dahintersteht. Da ist zunächst das veränderte Zeitgefühl. Ein Tag verläuft wie der andere, und die Gleichförmigkeit steigert die Angst der Frauen, bringt sie zu Entscheidungen, die ihnen schaden. Sie weigern sich zum Beispiel, ihren psychischen Zustand beurteilen zu lassen oder eine Urinprobe abzugeben; manche liefern sich heftige Diskussionen mit dem Aufsichtspersonal. Aber auch die seltenen Tage, an denen die Monotonie unterbrochen wird, sind alles andere als einfach: Ein Anruf von einem Verwandten oder ein Anwaltsbesuch kann sowohl tröstlich sein als auch in tiefe Verzweiflung stürzen. So stellt beides, Gleichförmigkeit und Aufregung, eine jeweils eigene Belastung dar. Sara misst die Zeit nicht nach Tagen oder Stunden, sondern nach bestimmten Ereignissen. Den ersten Schritten. Guck-guck spielen. Das Wort »Mama« sagen. Und jetzt ihr Geburtstag. Sie wäscht sich, lässt den Blick durchs Zimmer wandern und kontrolliert, ob alles den Regeln entsprechend weggeräumt ist. Auf dem Wandbord steht in einem Plastikrahmen, den sie im Laden des Zentrums gekauft hat, ein Foto von ihren Kindern in ihren Hochstühlen. Mona lächelt in die Kamera, Mohsin starrt die Bananenscheiben auf seinem Teller an, über denen seine Finger in der Luft verharren. Das Foto ist zwar längst nicht mehr aktuell, aber Sara gefällt es so sehr, wie ihre Zwillinge schauen, dass sie es nie gegen ein neueres Bild ausgetauscht hat. Neben dem Rahmen liegen ein Stapel Briefe, ein Buch mit Erzählungen von Jorge Luis Borges aus der Bibliothek und ihr Notizbuch. Sie hat dem Reiz des Notizbuchs widerstanden, solange sie konnte. Sie hielt es für eine Art Kapitulation, wenn sie über ihr Leben im Madison schreiben würde – als würde sie damit stillschweigend anerkennen, dass ihre Einbehaltung kein Irrtum wäre, der mit entsprechenden Nachweisen sofort korrigiert werden könnte, sondern das Resultat begründeter Verdachtsmomente des AfR ihr gegenüber. Außerdem hat sie natürlich befürchtet, dass Behördenmitarbeiter, denen es nur um die Daten, nicht um die Wahrheit ging, ihr alles Geschriebene zur Last legen könnten. Tag für Tag lag sie auf ihrer Pritsche und grübelte, wie sie im Madison hatte landen können und wie sich beweisen ließe, dass sie mit den Gewalttaten, die sie angeblich plante, nichts zu tun hatte. Eines Tages aber hatte sie es satt, an leere Wände zu starren, und ihre alten Gewohnheiten setzten sich durch. Sie hat Geschichte des postkolonialen Afrika mit Schwerpunkt auf Unabhängigkeitsbewegungen und Grenzkonzepte studiert, doch abgesehen von drei Jahren Lehrtätigkeit an der Cal State – der California State University von Los Angeles – nie als Historikerin gearbeitet. Den größten Teil ihres Berufslebens hat sie mit digitaler Archivierungsarbeit verbracht, einem Job, in dem sie keine Lehrveranstaltungen vorbereiten muss, die Möglichkeit hat, über Themen zu schreiben, die sie interessieren, und der ihr eine Krankenversicherung einbringt. Bisher zumindest. Während sie auf die Frühstücksklingel wartet, schreibt sie ihre Träume mit allen Details, die ihr noch in Erinnerung sind, in das Notizbuch. In dem Traum von letzter Nacht hat sie sich beim Frühstück durch ihren Printastic-Feed gescrollt, bis sie auf ein Foto von 1954 stieß, das marokkanische Unabhängigkeitskämpfer zeigte, die fälschlicherweise als Rekruten der französischen Armee bezeichnet wurden. Ein peinlicher Fehler, der nicht mal einem Erstsemester in Afrikanischer Geschichte unterlaufen würde. Gleich darauf entdeckte sie zu ihrem größten Schrecken, dass das Foto von ihrem Account aus gepostet worden war. Es waren schon Unmengen von Kommentaren zu lesen, in denen sie wegen des Schnitzers verspottet und bloßgestellt wurde. Aber sooft sie im Traum auch auf Löschen tippte, das Foto blieb in ihrem Feed, und schon kamen neue Nachrichten, ping, ping, ping, der schrille Ton ihrer Schande. Das Foto ließ sich nur löschen, indem sie es aus dem Zentralrechner entfernte, der sich in einem Bunker unter dem Gebäude befand. Vor ihr erschien eine Treppe. Auf dem Weg in den Keller nahm sie immer zwei Stufen auf einmal und berührte kaum das Geländer. Plötzlich zerfloss die Treppe und wurde zu Treibsand, in dem Saras Füße versanken. Wieder ein Traum, in dem sie gedemütigt wird. Beim Aufschreiben wird ihr bewusst, dass nicht der Moment der öffentlichen Blamage das Schlimmste war, sondern das Schweigen der Leute, von denen sie Beistand erwartet hatte. Das Gefühl, beschmutzt zu sein und ausgestoßen zu werden, tut weh. Es erinnert sie an ihre ersten Tage im Einbehaltungszentrum Madison, als sie fest damit gerechnet hat, dass ihre Freundin Myra, mit der sie früher an den Wochenenden oft im Will Rogers State Park gewandert ist, ihr beistehen würde. Auf dem gesamten Weg bis hinauf zum Inspiration Point hat Myra jedes Mal erzählt, wie sehr der Mann, mit dem sie gerade zusammen war, sie anwiderte, und dass sie nach Frankreich gehen werde, sobald sie ein Gebärfähigenvisum für das Land erhalte. Oben am Aussichtspunkt fiel sie angesichts des in der Sonne glänzenden Pazifik allerdings immer in träumerisches Schweigen. Und beim Abstieg erklärte sie, warum sie die Menschen, die sie liebe – Sara zum Beispiel –, niemals verlassen könne. Es war schön zu wissen, dass ihr die Freundschaft zu Sara so wichtig war. Seit Sara im Madison ist, hat allerdings nur ihre Familie Kontakt zu ihr. Alle anderen befürchten, dass sich ihr Risikowert verschlechtert, wenn sie mit ihr in Verbindung gebracht werden. Sie geht ans Fenster. Wenn sie den Hals in einem bestimmten Winkel reckt und die Augen mit beiden Händen gegen das Licht der Deckenleuchte beschattet, sieht sie ein Stück Straße und dahinter einen Berg. Nicht besonders imposant, eigentlich eher ein Hügel, aber er ist mit Kreosotbüschen und gelb blühenden Enceliasträuchern bewachsen, die beim leisesten Lüftchen erzittern. An diesem Morgen ist der Himmel bewölkt. Ein Amselschwarm bringt sich in Formation, bricht sie wieder auf und verschwindet aus Saras Blickfeld. Wie Hinton ist auch die alte Frau heute ein bisschen spät dran. Sie trottet beladen mit Körben, Hüten und Matten aus Stroh zur Bushaltestelle, und ihre langen Glasperlenohrringe schwingen bei jedem Schritt. Sara hält die alte Frau für eine Künstlerin, die dreimal pro Woche die Werkstatt verlässt, um ihre handgefertigten Sachen auf den Bauernmärkten der Gegend zu verkaufen. Der Bus kommt und hält mit quietschenden Bremsen an. Die alte Frau steigt ein, scannt ihr Gesicht und verstaut ihre Sachen auf der Gepäckablage. Der Fahrer wartet und sieht im Rückspiegel zu, wie sie sich in den Vorrechtsbereich auf der Seite des Busses setzt, die dem Madison zugewandt ist. Ob sie Sara aus dieser Distanz sehen kann? Unmöglich zu sagen. Doch Sara stellt sich die alte Frau gern als ihre Freundin vor, als eine nette Freundin, die mehrmals pro Woche nach ihr sieht. Sie wartet, bis der Bus aus ihrem Blickfeld verschwunden ist und draußen wieder Ruhe herrscht. Stille Momente sind im Madison selten, und sie zieht diesen so sehr in die Länge, wie sie nur kann. Doch als die Frühstücksklingel ertönt, ist er vorbei.
von Katja Früh
Ein aufwu¨hlender Entschluss, eine außergewöhnliche Mutter-Tochter-Geschichte und die vertraute Suche nach dem richtigen Leben – erfrischend heiter erzählt