3.7

Der Freund der Toten

von Jess Kidd

Format:Hardcover

Der charmante Gelegenheitsdieb und Hippie Mahony glaubte immer, seine Mutter habe ihn aus Desinteresse 1950 in einem Waisenhaus in Dublin abgegeben. Sechsundzwanzig Jahre später erhält er einen Brief, der ein ganz anderes, ein brutales Licht auf die Geschichte seiner Mutter wirft. Mahony reist daraufhin in seinen Geburtsort, um herauszufinden, was damals wirklich geschah. Sein geradezu unheimlich vertrautes Gesicht beunruhigt die Bewohner von Anfang an. Mahony schürt Aufregung bei den Frauen, Neugierde bei den Männern und Misstrauen bei den Frommen. Bei der Aufklärung des mysteriösen Verschwindens seiner Mutter hilft ihm die alte Mrs Cauley, eine ehemalige Schauspielerin. Furchtlos, wie sie ist, macht die Alte nichts lieber, als in den Heimlichkeiten und Wunden anderer herumzustochern. Sie ist fest davon überzeugt, dass Mahonys Mutter ermordet wurde. Das ungleiche Paar heckt einen raffinierten Plan aus, um die Dorfbewohner zum Reden zu bringen. Auch wenn einige alles daran setzen, dass Mahony die Wahrheit nicht herausfindet, trifft er in dem Ort auf die eine oder andere exzentrische Person, die ihm hilft. Dass es sich dabei manchmal auch um einen Toten handelt, scheint Mahony nicht weiter zu stören ...

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
390 SeitenHardcover
Erschienen an: 2017-05-19

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PapercutRezension von Papercut

Mit „Der Freund der Toten“ legt Jess Kidd einen ebenso ungewöhnlichen wie bezaubernden Roman vor, der Krimi, Geistergeschichte und Gesellschaftsporträt auf faszinierende Weise miteinander verbindet. Schauplatz ist das Irland der 1970er-Jahre, genauer gesagt eine kleine Küstenstadt, in der nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Im Mittelpunkt steht Mahony, ein junger Mann, der nach dem Verschwinden seiner Mutter in das Städtchen Mulderrig zurückkehrt. Mahony besitzt eine besondere Gabe: Er kann mit den Toten sprechen. Diese begleiten ihn nicht nur als Stimmen aus dem Jenseits, sondern auch als Kommentatoren des Geschehens – mal humorvoll, mal melancholisch, oft erschreckend ehrlich. Auf der Suche nach der Wahrheit über seine Mutter stößt Mahony auf ein Netz aus Lügen, Gewalt und verdrängten Geheimnissen, das die ganze Stadt durchzieht. Jess Kidds größte Stärke liegt in ihrer Sprache und Atmosphäre. Ihr Schreibstil ist poetisch, bildreich und zugleich von schwarzem Humor durchzogen. Bereits nach den ersten paar Kapiteln bekommt das Buch einen gewissen "The 6th Sence" Charme. Die Toten, die Mahony begleiten, wirken nie bloß als erzählerischer Kunstgriff, sondern verleihen dem Roman eine besondere Tiefe und Menschlichkeit. Trotz der düsteren Themen – Missbrauch, Schuld, Verlust – bewahrt die Geschichte eine gewisse Leichtigkeit und Wärme. Die Figuren sind schrullig, vielschichtig und oft moralisch ambivalent. Gerade diese Unschärfe macht sie glaubwürdig und spannend. Mulderrig selbst wird zu einer Art eigenständigem Charakter: ein Ort voller Schönheit, aber auch voller Abgründe. „Der Freund der Toten“ ist kein klassischer Kriminalroman, sondern ein literarisch anspruchsvolles Werk, das sich Zeit nimmt, Stimmungen aufzubauen und seine Leserinnen und Leser in eine ganz eigene Welt zu ziehen. Ein außergewöhnlicher Roman, der unter die Haut geht – poetisch, düster, humorvoll, mit Tiefgang und zutiefst menschlich.

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