Kalina Serce, jüngster Spross einer Frauendynastie, Erforscherin einer düsteren Familiengeschichte, betritt eine Villa, die lange Zeit unbewohnt war. Sie tastet nach dem Ebonit-Schalter aus der Vorkriegszeit, um Licht zu machen – eine Ankunft im Unvertrauten. Mit diesem Haus, der früheren Pension Glück im schlesischen Langwaltersdorf, hat es seine eigene Bewandtnis. Hier traf sich Kalinas Urgroßmutter Berta mit ihrem Geliebten. Berta träumt von einer Flucht mit ihm nach Prag, die der Vater verhindert. Der Hass auf ihn wird so groß, dass sie zu einer ungeheuren Tat schreitet. Joanna Bators neuer Roman erzählt von weiblichen Lebensentwürfen. Und wie sie scheitern. Im drängenden, sarkastischen, an Elfriede Jelinek erinnernden Ton entfaltet sich das Drama der zornigen Frauen, die ihr Geheimnis durch die Generationen weitergegeben haben. Krieg, Gewalt und privates Unglück haben die Angst und Bitternis hervorgebracht, aus deren Bannkreis erst die Jüngste, Kalina, heraustritt, indem sie davon erzählt. Mit Macht fordert sie das Glück ein, das den Frauen ihrer Familie versagt war.
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Bitternis
von Joanna Bator, Lisa Palmes
Kalina Serce, jüngster Spross einer Frauendynastie, Erforscherin einer düsteren Familiengeschichte, betritt eine Villa, die lange Zeit unbewohnt war. Sie tastet nach dem Ebonit-Schalter aus der Vorkriegszeit, um Licht zu machen – eine Ankunft im Unvertrauten. Mit diesem Haus, der früheren Pension Glück im schlesischen Langwaltersdorf, hat es seine eigene Bewandtnis. Hier traf sich Kalinas Urgroßmutter Berta mit ihrem Geliebten. Berta träumt von einer Flucht mit ihm nach Prag, die der Vater verhindert. Der Hass auf ihn wird so groß, dass sie zu einer ungeheuren Tat schreitet. Joanna Bators neuer Roman erzählt von weiblichen Lebensentwürfen. Und wie sie scheitern. Im drängenden, sarkastischen, an Elfriede Jelinek erinnernden Ton entfaltet sich das Drama der zornigen Frauen, die ihr Geheimnis durch die Generationen weitergegeben haben. Krieg, Gewalt und privates Unglück haben die Angst und Bitternis hervorgebracht, aus deren Bannkreis erst die Jüngste, Kalina, heraustritt, indem sie davon erzählt. Mit Macht fordert sie das Glück ein, das den Frauen ihrer Familie versagt war.
Aktuelle Rezensionen(3)
Ein großartige und fesselnder Roman. Ein packendes Leseerlebnis auch wenn die Geschichte der 4 Frauen an einigen Stellen herausfordernd ist.
Man hätte es bestimmt um rund 150 Seiten kürzen können und würde ein fanatisches Werk erhalten. So ziehen sich das erste und dritte Viertel doch sehr, während das Tempo der letzten 200 Seiten kaum zum Rest passt. Die Sprache, der Schreibstil — wunderbar und man spürt deutlich den Frust und den Zorn, die Wut und Ungerechtigkeit der vier Generationen; besonders aber der älteren drei Frauen. Alle vier kämpfen sich weiterhin trotz aller Widrigkeiten durch‘s Leben — jede auf ihre Art. Ich hätte mich sehr über Jahreszahlen gefreut, die nur sehr rar im Text gesät wurden, bei den hin und her springenden Kapiteln/Personen jedoch den Lesefluss optimiert hätten. Die Art der Buchbindung ist positiv hervorzuheben und erleichtert das Lesen (bei 826 Seiten) ungemein.
Vier Träumerinnen, vom Pech verfolgt, haben Bitternis in Mund und Herzen. Auf „der Bühne des Lebens verpatzen“ sie ihre Einsätze, weil ihnen das Patriarchat und die Männer gewaltvoll in die Parade grätschen. Dieser Frauenstamm, der über ein Jahrhundert durch Zeit und Raum verflochten ist, wuchs mir schnell ans Herz. Vor allem die fiese Violetta, die sich mit der eigenen Mittelmäßigkeit nicht abfinden kann und sich für Größeres im Leben wähnt. Obwohl das Buch stellenweise sehr grausam ist, fühlte sich die Lektüre sehr warm an, vermittelte ein Geborgenheitsgefühl, denn man kam den Frauen sehr nah, während sie einem lebendig aus der Buchseite entgegentreten. Sie wollen lieben, fortkommen, entkommen,sicher sein, unsichtbar sein, sichtbar sein, besonders sein, etwas aus sich machen, sie wollen etwas verstehen, etwas abbekommen, ankommen. Und Bators Sprache ist wunderschön, ich wollte fast jeden Satz vorlesen und habe auch ständig alle um mich herum unterbrochen, damit ich ihnen fast jeden Satz vorlesen konnte. Ich wünsche dem Buch viele, viele Leser*innen. „In seiner grauen Unterwäsche und den Socken sah er aus wie eine große Kartoffel, die nach langer Lagerung Keime getrieben hat und sich nicht einmal mehr für Suppe eignet.“ „Die Unbekannte strahlte eine erotische Energie aus, sie erinnerte Violetta an einen Mixer, in den man Früchte hineinwirft, Joghurt dazugießt und einen Knopf drückt, und dessen Klingel dann alles zu einer cremig süßen rosa Flüssigkeit pürieren.“ „Über Menschen wie Berta sagte man, sie lebten in ihrer eigenen Welt, und Hans Kochs Tochter hätte dieser Definition wahrscheinlich zugestimmt, erschien ihr doch die Menschenwelt um sie herum wahrhaft uninteressant und sinnentleert im Gegensatz zu der Welt ihrer Romanfiguren.“ „Was für eine Geschichte! Und tatsächlich ist es zu viel für eine einzelne, unbedeutende Familie, in der es nicht einmal anständige, männliche Helden gibt. Eine Geschichte ohne Frauen ist für kaum jemanden ein Grund zur Beunruhigung; die Frauen werden schon irgendwo im Hintergrund wirken, in Küche und Hof, mit langweiligem Weiberkram beschäftigt. Bei einem Mangel an männlichen Akteuren hingegen muss es sich um einen besorgniserregenden Irrtum handeln.“