3.3

Hundert Augen

von Samanta Schweblin

Format:Hardcover

Sie haben Häuser in Hongkong infiltriert, Geschäfte in Vancouver, die Strassen Sierra Leones, Marktplätze in Oaxaca, Schulen in Tel Aviv, Schlafzimmer in Indiana. Sie sind überall. Sie sind hier. Sie sind wir. Sie sind keine Haustiere, Geister oder Roboter. Sie sind wirkliche Menschen. Aber wie kann sich jemand, der in Berlin ist, frei durch ein Wohnzimmer in Sydney bewegen? Und wie kann jemand in Bangkok mit deinen Kindern in Buenos Aires frühstücken, ohne dass du davon weisst? Besonders wenn diese Person komplett anonym ist, unbekannt und unauffindbar? Samanta Schweblin erzählt eine Geschichte, die bereits stattfindet. Eine Geschichte, die uns bekannt vorkommt und beunruhigt. Weil sie unsere Welt ist, in der wir leben. Wir wissen es nur noch nicht ICY Hundert Augen ist ein visionärer Roman über unsere vernetzte Gegenwart und über den Zusammenprall von Humanität und Horror.verlagstext

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
240 SeitenHardcover
Erschienen an: 2020-08-17

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Aktuelle Rezensionen(1)

3.3(14 ratings)
thomsen_Rezension von thomsen_

Welche Verantwortung hat ein Beobachter? In einer unbestimmten Zukunft werden sogenannte Kentukis zum weltweiten Hype. Die kleinen plüschigen Kreaturen werden von anonymen Menschen irgendwo auf der Welt gesteuert. Wer eines dieser Wesen besitzt, wird beobachtet. Wer stattdessen die Steuerung übernimmt, erhält Einblicke in das Leben eines völlig fremden Menschen. Entweder kauft man ein zufällig ausgewähltes Modell (Labubu lässt grüßen) oder einen Code, der eine einmalige Verbindung zu einem beliebigen Exemplar irgendwo auf der Welt herstellt. In voneinander unabhängigen Episoden begleitet die argentinische Autorin Samanta Schweblin Menschen, die durch Kentukis miteinander verbunden sind. Schon nach wenigen Kapiteln wird deutlich, dass es weniger um Science-Fiction als um menschliche Beziehungen geht. Dabei drängt sich vor allem eine Frage auf: Trägt man moralische Verantwortung für jemanden, den man nur beobachtet? Wer lange genug zuschaut, bleibt selten unbeteiligt. Aus Neugier kann Anteilnahme entstehen, aus Anteilnahme Fürsorge, manchmal aber auch Kontrolle oder Machtmissbrauch. Der Plot wirkt schon sehr konstruiert. Ich hatte Mühe, die Grundidee des Romans vollständig zu akzeptieren, da viele Menschen über die Funktionsweise der Kentukis erstaunlich wenig zu wissen scheinen, obwohl diese längst ein Massenphänomen geworden sind. Ich hatte auf eine dystopische Zukunftsvision gewartet, der Roman erzählt aber eher die kleinen menschlichen Dramen hinter der Technik. Einer der Protas (Marvin) formuliert einen Satz, der für mich viel vom Roman erklärt: „Warum waren diese Geschichten alle so klein, so ungeheuer privat, so armselig und vorhersehbar? So verzweifelt menschlich.“ Schweblin schreibt klar und nüchtern, ohne sprachliche Spielereien oder große Poesie. Durch die vielen kurzen Episoden bleibt aber für tiefgehende Charakterentwicklung wenig Spielraum. Zu vielen der Figuren konnte ich keine echte Verbindung herstellen. Die einzige Ausnahme ist die Geschichte von Alina und dem Künstler Sven. Svens Ausstellung am Ende zählt zu den eindringlichsten und unangenehmsten Szenen des Romans. Gerade weil die Ausgansidee so stark ist hatte ich gehofft, dass der Roman daraus radikalere und überraschendere Gedanken entwickelt. Stattdessen erzählt er viele kleine Geschichten ohne groß neue Antworten zu liefern. Die Fragen des Romans bleiben, die Figuren dagegen weniger. Deshalb blieb bei mir nach dem Lesen ein gemischter Eindruck zurück. 3 von 5 ⭐️

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