3.9

GRM: Brainfuck

von Sibylle Berg

Format:Hardcover
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»Umwerfend und radikal. Mit einem hypersensiblen Gespür für das Menschliche, für Verletzlichkeiten und für menschliche Abgründe.«

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
640 SeitenHardcover
Erschienen an: April 11, 2019

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Aktuelle Rezensionen(3)

3.9(42 ratings)
ArminRezension von Armin

„ - was ist los mit dieser Welt. Ist es denn nirgends schön. Oder warm. Gibt es denn nirgends Menschen in geordneten Verhältnissen?” Grime oder auch GRM ist ein Musikgenre, der vor 20 Jahren in London aufkam und der Sound Gewalt und Hass darstellt, genau, wie die vier Kinder Hannah, Don, Peter und Karen, die sich später in der Geschichte zu Teenager entwickeln, all diese Aggressionen und Wut in sich tragen. Mit den Eltern in der Unterschicht aufgewachsen, erleben sie Gewalt und werden verstoßen. Wegen Mangel an Liebe und Fürsorge flüchten die Protagonist_innen von Rochdale nach London. Doch schnell merken sie, dass sie plötzlich ohne Nichts stehen. Kein Geld, kein Essen, keine Unterkunft. Aber sie haben noch sich und teilen sich die gleichen Sorgen. Immerhin etwas. Um sich an die Despoten zu rächen, beschließen sie eine Liste mit Namen aufzustellen. Damit die Rache auch gelingt, suchen sie sich in London nach einem sicheren Ort und wollen den Staat hacken. Sie greifen zu soziale Medien zu, verwenden die künstliche Intelligenz usw. Was sie wollen, ist eine Revolution, die zeigt, was der Staat mit ihnen alles macht. Lange habe ich mich nicht gewagt ein Buch von Sibylle Berg zu lesen, als ich von überall höre, wie Sibylle schreibt oder tickt. Doch GRM war das erste Buch und habe es als toll empfunden. Hier die Gründe: Sibylle beschreibt eine dystopische Zeit, einem futuristischen Großbritannien nach dem Brexit. Überspitzt stellt Sibylle die Gegenwart dar, obwohl ich denke, dass sie gar nicht so weit entfernt von der Realität ist. Wir haben es nur nicht vor Augen. Die Kapitalismuskritik im Roman, die Sibylle auch oft in den Theaterstücken aufführt, ist berechtigt und hart. Schockierend versucht Sibylle die Analyse der politischen Verhältnisse den Lesenden näher zu bringen. Erstaunlich, wie viel Arbeit und Recherche Sibylle in diesem Roman gesteckt hat. Mit vielen Wissenschaftler_innen, Professor_innen, usw. sprach Sibylle, um die dystopische Welt, die Welt von GRM zu beschreiben und wie ein Blick in die Kristallkugel den Untergang unserer Welt zu zeigen. In GRM stirbt die Hoffnung nicht zuletzt. In GRM gab es nie Hoffnung. Vorerst nicht. Drogenabhängige Menschen als Müll (=J-Wort) zu bezeichnen, fand ich sehr schwierig und hätte auch nicht sein müssen! Dass Sibylle viele Themen versucht zu behandeln und doch nur an der Oberfläche kratzt, ist keine Kritik an dem Buch. Denn es ist am Ende nur ein Roman und kein Sachbuch! Oft war ich tatsächlich sprachlich überfordert, weil so viele Figuren ins Spiel kamen. Es ist chaotisch, wirr, hart, kalt, lustig und ich liebe es! Wer Sibylle Berg nicht kennt und die Interviews auch nie gesehen hat, sollte dies – meiner Meinung nach – spätestens vor einem Buch tun. Sibylle Bergs Humor ist anders wild. Sobald man diese versteht, sind die Texte einfach witzig. Viele würden es zu depressiv, zu kalt, zu zynisch beschreiben. Ich würde sagen Sibylles Texte sind wie Spiegel unserer gescheiterten Gesellschaft. Wer das nicht rafft  #checkyourprivilege „(…) die Menschen sind nur zufrieden, wenn sie tot sind. Dann ist endlich mal Ruhe. Dann wollen sie nichts mehr.“

sunaRezension von suna

GRM- brainfuck: Eine Dystopie, die von den Abgründen der Gesellschaft und dem politischen System dahinter erzählt. Von Armut, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Missbrauch und Überwachung. Von Anpassung und Auflehnung. Ich habe den Roman wahrgenommen als Kapitalismus- und Neoliberalismuskritik, als Kritik am Überwachungsstaat und der naiven Bürger:innenschaft. Sibylle Bergs Schreibstil ist schnell und zynisch, harsch und pointiert und hat mich unglaublich abgeholt. Der Roman liest sich in Teilen wie ein gesellschaftskritischer Essay, was mir aber sehr zugesagt hat. Ihr Text besteht nicht immer aus vollendeten Sätzen, wenn die Leser:in schon weiß, worauf ein Satz hinauslaufen soll, hört er einfach auf, ein neuer beginnt mit einem Zeilenumbruch, wird wiederum von neuen Halbsätzen und Ellipsen fortgeführt. Ich empfand diesen Stil als sehr erfrischend, gegen Ende dieser 650 Seiten hin aber auch ein wenig anstrengend. Die Länge dieser erbarmungslos ungemütlichen Antiuptopie war generell etwas ermüdend, besonders auf Grund ihrer inhaltlichen und sprachlichen Redundanz an einigen Stellen. Warum der Titel Grime lautet, obwohl es meiner Auffassung nach eigentlich nie so wirklich um dieses Musikgenre ging, ist mir noch ein Rätsel, ebenso wie es eigentlich kaum um die Programmiersprache „Brainfuck“ des Untertitels ging. In einer anderen Rezension des Buches referierte jemand eine Passage aus einem Erich Kästner Gedicht– „Was immer geschieht, nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.“ das fand ich sehr eindrücklich und treffend. Generell hat es viel Spaß gemacht, sich durch die vielen Rezensionen zu klicken, da das Buch und sein Stil ja doch sehr kontrovers wahrgenommen wurde. Nach dieser doch sehr deprimierenden Lektüre habe ich wieder Lust auf etwas ein wenig leichteres für die nächsten Wochen, werde aber definitiv mehr von Sibylle Berg lesen und bin jetzt schon ein wirklich großer Fan von ihr und ihrer Wortgewandheit.

Hannah  HärtlRezension von Hannah Härtl

Wann sollte man Sibylle Berg lesen? Vermutlich dann, wenn man vor lauter Glück und Lebensfreude überzusprudeln droht und etwas braucht, das einen auf den Boden der Tatsachen zurückholt und einem das Elend der Welt vor Augen führt. Wann habe ich Sibylle Berg gelesen? Allein, in meiner WG, die semesterferienbedingt von mir bewohnt wurde. Achja und dann ist auch noch eine Pandemie ausgebrochen. Joa.. kann man machen. Hatte aber auch schon fast was poetisches, dass irgendwie alles so gut zusammengepasst hat. Jetzt zum Buch: Also Sybille Berg ist die bitterböseste Autorin, die ich jemals gelesen habe. Sie schafft es ausnahmslos nichts positives am Menschsein zu schildern. Und das auf 634 Seiten. Da ist nur Ekel und Abgrund. Selbst die Schilderungen einer Sozialarbeiterin oder einer jugendlichen Liebe enden in einem Abwärtsstrudel, dem man zwar nicht entkommt, der einen aber an einen Ort bringt, an dem man auf keinen Fall sein möchte. Und man lies und liest und es dreht einem schon fast den Magen um. Die Welt, die sie beschreibt ist eine Mischung aus Big Brother und Schöner neuer Welt gemischt mit allen denkbaren Abartigkeiten – vor allem auch sexueller Art. Und da sind da 4 Jugendliche, die alle komplett vom Leben zerstört wurden und Rache suchen. Ja eigentlich fehlen mir die Worte für das Buch. Aber lest es! Wirklich! Da steckt so viel Kritik und Intelligenz, verstörenderweise sogar Humor, drinnen.

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