4.5

Das Zeitalter der Roten Ameisen

von Tanya Pyankova, Beatrix Kersten

Format:Hardcover

»Tanya Pyankovas Roman ist ein Zeugnis der Entmenschlichung und damit auch ein Zeugnis der Menschlichkeit in dunkler Zeit.« Fridtjof Küchemann FAZMatschuchy, Ukraine, 1933: Die junge Jawdocha versucht verzweifelt, sich und ihre Familie am Leben zu halten – doch der Hunger setzt nicht nur ihren Körpern zu, sondern immer mehr Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung greifen zu verzweifelten, unmenschlichen Maßnahmen im Kampf um das nackte Überleben. Nur wenige Kilometer von ihnen entfernt wird Solja, die wohlhabende Frau des ortsansässigen Parteivorsitzenden, von ihren eigenen, völlig unterschiedlichen Dämonen heimgesucht und scheitert daran, Gewicht zu verlieren – und Swyryd, ein Repräsentant der sowjetischen Kommunalverwaltung, nutzt seine Machtposition, um seine große Liebe Hanna, Jawdochas Mutter, zu manipulieren.In drei verschiedenen Erzählstimmen erschafft Tanya Pyankova das erschreckend aktuelle Psychogramm einer Zeit und einer Nation, das relevanter nicht sein könnte: Die von der Sowjetunion besetzte Ukraine erlitt eine Hungersnot, die das Leben vieler Millionen Menschen forderte – und die von den Besatzern als politisches Machtinstrument gezielt hervorgerufen worden war. Dieser Genozid ging als Holodomor ("Tötung durch Hunger") in die Geschichte ein.»Pyankova hat die große Leistung vollbracht, für das Unsagbare eine literarische Sprache zu finden.« Mareike Ilsemann ― WDR 5 Bücher

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
400 SeitenHardcover
Erschienen an: October 25, 2022

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Aktuelle Rezensionen(2)

4.5(3 ratings)
lizzieRezension von lizzie

“Wie eine hässliche, nasse Ratte ist der Hunger in unsere Häuser geschlüpft und hat dort Junge geworfen. Er durchstöbert die Ecken, kegelt den Tod wie eine taube Walnuss auf dem Dachboden umher, mümmelt unter den Bodenbrettern verstreute Hirsekörner. Und braucht bloß zu rascheln, da stürzen wir Dummköpfe schon los, wollen ihm aus der Hand reißen, was da Essbares war, aber da war nichts, das Essen ist nur in unseren kranken Köpfen, ein Fiebertraum, der unwiderstehlich duftet ... Wir haben nicht mehr lang. Unsere Sonne steht im Westen.” Selten habe ich mich beim Lesen eines Buches so unwohl gefühlt. Teilweise war mir fast übel. Oft musste ich es zur Seite legen. Allerdings spricht all dies FÜR das Buch. Es ist kein Buch, das gefallen will, sondern weh tut, weil es muss.

ArminRezension von Armin

„Der Hunger steht mir näher als irgendwer sonst, denn er bringt mir die wärmende Hoffnung, dass wir nicht mehr lange haben, dass diese Welt schon bald hinterm Horizont versinkt, und ich gleich mit ihr.“ S.77   Ich weiß nicht, ob man überhaupt eine Rezension schreiben kann. Darf man dazu eine Meinung haben, außer dass es jeder gelesen haben bzw. noch lesen soll? Ich tue mich schwer mit "müssen", aber das hier fühlt sich so an.   Es geht um den Holodomor, die Hungersnot von 1933 in Matschuchy, Ukraine. Aus drei Perspektiven wird die künstlich geschaffene Hungersnot erzählt, die stattfand, als Stalin in der Sowjetunion regierte.   Jawdocha, genannt Dusja, versucht abgemagert und kraftlos nicht nur sich selbst zu retten, sondern auch mit jeder verbleibenden Energie ihrer Mutter und ihrem Bruder zu helfen. "Wir sparen so viel an, wie wir schaffen, vermahlen die Körnchen zu Mehl und kochen daraus Schleimsuppe, mit viel Wasser..." Solja, eine wohlhabende Frau, kämpft sich durch ihre Hungerkur, die ihr von den Ärzten auferlegt wurde. Ihr Mann Oleksej berührt sie nicht mehr. Nur für ihn tut sie das. Nur damit er sie endlich so lieben kann. Nur fragt sie sich auch, was ihr Mann da draußen im Dorf eigentlich macht. Swyryd versucht, seine Machtposition auszunutzen, um an Hanna, Dusjas Mutter, heranzukommen. Er ist nicht nur manipulativ, sondern auch "ein Repräsentant der sowjetischen Kommunalverwaltung".   In ihrem Buch "Das Zeitalter der roten Ameisen" schreibt die Autorin Tanya Pyankova, übersetzt von Beatrix Kersten, ein Meisterwerk, eine Hommage an die Gefallenen, eine Geschichte gegen das Vergessen.   Lest dieses Buch, lest oder hört es so, als würde euer Leben genau davon abhängen, denn am Ende hilft nur eins gegen das Vergessen: sich erinnern.   „Ein Mensch kann ohne Arme sein, ohne Augen, ohne Ohren ... Auch ohne Sonne, ohne Erde, ohne ein Haus. Und ohne seine Eltern, ohne Kinder. Sogar ohne Gott, Gebete, Gewissen. Ohne andere Menschen aber kann kein Mensch bestehen, denn allein die lebendige Wärme anderer Menschen hält dich in der Welt.“ S.119

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