3.3

Das Wohlbefinden

von Ulla Lenze

Format:Hardcover
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Die Fabrikarbeiterin Anna wird als Medium verehrt, Johanna Schellmann ist Schriftstellerin. In den Heilstätten Beelitz entsteht eine Verbindung zwischen den ungleichen Frauen, von der beide profitieren – bis der Kampf um Anerkennung und Aufstieg sie zu Rivalinnen macht. Ulla Lenze hat in ihrer unvergleichlich kristallinen Prosa einen großen Roman über die Verführungskraft der Selbsterlösung geschrieben.  

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
336 SeitenHardcover
Erschienen an: August 17, 2024

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Aktuelle Rezensionen(3)

3.3(9 ratings)
nessaboRezension von nessabo

Langatmige Handlung, die Erzählstränge nicht auserzählt und charakterlich oberflächlich bleibt Leider konnte mich der Roman trotz seines sehr interessanten Settings und einem Aufbau über mehrere Zeitebenen, was ich prinzipiell sehr gern mag, nicht überzeugen. Das hat für mich sprachliche, handlungstechnische und charakterliche Gründe. Sprachlich fand ich das Buch eher anspruchsvoll. Die Autorin wechselt den Sprachstil passend zur Zeitebene, sodass mensch in den Kapiteln um 1907-1909 mit einer altertümlichen, steifen Sprache konfrontiert ist. Literarisch halte ich das für sehr geschickt, dadurch aber auch wenig zugänglich. Wer eine anspruchsvolle, atmosphärische Sprache mag, wird hier mehr Freude haben als ich. Die Heilstätten Beelitz waren mir vor der Lektüre völlig unbekannt und damit ein spannendes Setting. Und obwohl die Handlung zu Beginn auch vor allem dort spielt und ein paar Informationen zur Modernität und zum Behandlungsansatz des Ortes vermittelt werden, verliert sich der Roman im Weiteren zu sehr. Die Heilstätten spielen am Ende eine eher untergeordnete Rolle, was meine Erwartungen enttäuscht hat. Und auch sonst werden mir viel zu viele Handlungsstränge eröffnet und große Schlüsselmomente angedeutet, denen der Roman am Ende nicht gerecht wird. Phasenweise wird ausschweifend und für mich langatmig erzählt, um eine Spannung zu erzeugen. Das hat manchmal sogar auch funktioniert und ich habe angespannt weitergelesen. Viel zu oft verlor sich die Handlung dann aber einfach und meine Spannung verpuffte. Das Okkultistische war für mich rückblickend viel mehr eine extrem ausgeprägte Religiosität, Anna stellte zunehmend eine Art gottgesandte Heilsbringerin dar, was der vorherigen Charakterzeichnung widersprach. Die vielen gottbezogenen Aussagen waren mir auch schlicht zu viel. Ich kann zwar auch mit Okkultismus nichts anfangen, würde dazu aber unter kritischen Gesichtspunkten trotzdem etwas lesen. Doch auch dieses erwartete Hauptthema verlor sich zunehmend im Buch. Schließlich habe ich bis zum Schluss keine Beziehung zu den Figuren aufbauen können. Anna und Johanna sowie die Beziehung zwischen den beiden bleiben mir ein Rätsel. Besonders am Ende werden die Charaktere noch einmal ordentlich durcheinandergeworfen, sodass ich gar nicht mehr wusste, wer jetzt eigentlich wie wirklich war. Vanessa hatte als Urenkelin Johannas viel Potenzial, bleibt aber enorm oberflächlich und scheint einzig den Zweck zu erfüllen, Informationen aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu bringen. Da hätte es sicher elegantere Wege gegeben. Auch weitere Nebenfiguren bekommen kurzzeitig viel Raum, um dann im Nichts zu verschwinden. Ich kann abschließend keine Leseempfehlung aussprechen. Der Roman ist literarisch herausfordernd, für manche Menschen vielleicht auch deshalb sehr ansprechend. Er kommt mit etlichen historischen, literarischen und philosophischen Referenzen daher, die ich oft nicht zuordnen konnte und deshalb zusätzlich wenig Freude hatte. Mit mehr Vorwissen in diesen Bereichen macht das Lesen vielleicht auch noch einmal mehr Spaß. Meine Kritik der vielen offenen Fragen und nicht greifbaren Figuren bleibt dann aber trotzdem noch stehen. 2,5 ⭐️

ElenaRezension von Elena

"Es gab nichts Gruseligeres als verfallene Heilstätten, dachte Vanessa. Als hätte die Idee der Heilung schließlich aufgegeben." - Ulla Lenze, "Das Wohlbefinden" Berlin, 2020: Vanessa wurde ihre Wohnung in Berlin wegen Eigenbedarf gekündigt, sie muss schnell eine Bleibe finden, was sich als höchst kompliziert im heutigen Wohnungsmarkt herausstellt. Unter anderem besichtigt sie auch eine Wohnung in den sanierten Beelitzer Heilstätten in Potsdam. Als sie dem Makler eröffnet, dass sie eine Nachfahrin der Schriftstellerin Johanna Schellmann ist, die sich auch von den Heilstätten inspirieren ließ, stößt sie unverhofft auf ein unveröffentlichtes Manuskript ihrer Urgroßmutter über deren Verbindung zu dem Medium Anna. Beelitz-Heilstätten, 1907: Als Johanna Schellmann auf der Suche nach Material für ein neues Buch die neu eröffneten Lungenheilstätten besichtigt, trifft sie auf Anna, die dem Okkulten zugeneigt ist. Sie begreift sich selbst als von Gott geleitetes Medium, hat Kontakt zu Verstorbenen und ist Hellsichtig für die Zukunft. Johanna ist fasziniert und möchte Annas Geschichte verschriftlichen - doch diese lässt sich für den Text nicht vereinnahmen. Rund 60 Jahre nach den Ereignissen in den Beelitz-Heilstätten resümiert die mittlerweile demenzkranke Johanna ihr Leben und deckt die Wahrheit über die Geschehnisse rund um Anna auf. Auf drei Zeitebenen lässt Ulla Lenze ihren Roman "Das Wohlbefinden" spielen, der mich vor allem wegen seines Settings in den Beelitzer Heilstätten, die mittlerweile nach jahrelangem Verfall zu Wohnraum umfunktioniert wurden, gereizt hat. In den Heilstätten durften sich von etwa 1902 bis zum Zweiten Weltkrieg auf Kosten der Landesversicherungsanstalt von Armut betroffene Arbeiter*innen von Lungenkrankheiten, insbesondere der Lungentuberkulose erholen. Das Wohlbefinden stand im Zentrum der Therapie, es wurden beispielsweise Liegekuren und Schlammbäder verordnet. Ich fand es total interessant, in diese junge Geschichte der Beelitzer Heilstätten einzutauchen, die mir nicht bekannt war. Auch die Einbindung von Spiritismus und einer in Vergessenheit geratenen Schriftstellerin versprechen eine spannende Geschichte, allerdings hätte ich mir hier doch an einigen Stellen mehr Informationen und Tiefe gewünscht. So blieb "Das Wohlbefinden" für mich ein Buch mit unterhaltsamem und packendem Ansatz, der sich im Laufe des Romans aber nicht halten konnte. Wer sich für historische Romane und Spiritismus interessiert, sollte sich "Das Wohlbefinden" aber definitiv näher ansehen!

Die LesezauberinRezension von Die Lesezauberin

Die Autorin Ulla Lenze hat ausführlich über den Okkultismus und die Komplexität des im Buch erwähnten Behandlungszentrums berichtet, dabei geschickt gesellschaftliche Unterschiede und die sozialen Probleme der Zeit reflektiert. Es war schön. Aber es könnte immer noch besser sein.

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