Die Möglichkeit von Glück
von Anne Rabe
»Ein nötiges, formal fabelhaftes Gegengift gegen alle falsche Nostalgie.« Elmar Krekeler, Welt am Sonntag, 03. Dezember 2023
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Die Möglichkeit von Glück
von Anne Rabe
»Ein nötiges, formal fabelhaftes Gegengift gegen alle falsche Nostalgie.« Elmar Krekeler, Welt am Sonntag, 03. Dezember 2023
Aktuelle Rezensionen(11)
TRIGGERWARNUNG physische, psychische und sexualisierte Gewalt an Kindern, Kriegsverbrechen, Verletzungen, selbstverletzendes Verhalten Ich hätte mir diese Triggerwarnung zu Beginn des Buches gewünscht und verstehe nicht, was Verlage davon abhält. Ich war sehr gespannt auf das Buch, da ich ein paar Jahre älter als die Autorin und ebenfalls in der DDR aufgewachsen bin. Daher war mir im allgemeinen vieles vertraut. Es passiert jedoch viel mehr. Es wird aus Sicht der Autorin (mit in Du-Perspektive wechselnden Selbstgesprächen) ihre wirklich furchtbare Kindheit fragmentarisch beschrieben. Eine grausame Mutter und ein Vater, dessen nächtliche „Besuche“ Raum für missbräuchliche Spekulationen lassen. Grundsätzlich ist es wichtig, all diese Dinge aufzuarbeiten. Jedoch hätte man dies im Klappentext erwähnen sollen. Alles in allem ließ sich das Buch gut lesen. Dass die Autorin in der DDR geboren wurde und aus dieser Sicht die Wende miterlebt hat, macht es sehr authentisch. Inhaltlich hatte ich jedoch etwas anderes erwartet.
Ein Roman über das Spuren suchen der eigenen Herkunft. Verstehen zu wollen, verbunden mit der Angst, Wahrheiten zu erfahren, die einem die Kindheitsbilder von den Augen reißen. Und doch zu ahnen, dass dieser Weg gegangen werden muss, wenn es besser werden soll in einem drin. Mit Gedichten, Liedzeilen und Gedankenfragmenten nähert sich die Protagonistin Stine ihrer Familie über die Suche nach der Vergangenheit ihres Großvaters mütterlicherseits. Gleichzeitig schildert sie anhand ihrer eigenen gewalttätigen elterlichen Erziehung das Aufwachsen in der verschwindenden DDR. Alles ist miteinander verknüpft, die kriegstraumatisierten Männer und Frauen, die nach dem Krieg fleißig einen neuen, besseren Staat aufbauen wollen und den Krieg einfach nur vergessen wollen; die Gewalt, die in den Familien zum normalen Miteinander gehört, die jeder kennt und keiner sieht; die Frustration nach dem Mauerfall, sich vom Westen und den Westlern übervorteilt und ausgebootet zu fühlen, der sich wiederum in der Gewalt gegenüber Asylbewerbern entlädt; frustrierte Lehrer, die der Generation Jahrgang '86, die die DDR nicht mehr erlebt hatten und sie nur durch die Geschichten der Erwachsenen kannten, nichts bieten konnten. Schweigen über die Vergangenheit, keine Reflexion innerhalb der Familie über den Staat, den es nicht mehr gab. Es ist das allgegenwärtige Schweigen und die erlernte Angst vor den Folgen beim Fragen stellen, die die Schatten der Vergangenheit nähren und Stine lähmen. Rückzug und Unsichtbar werden sind ihre Auswege. Und doch ist da die Neugierde, die Suche nach den Wurzeln, die Stine in Staatsarchiven auf die Suche gehen lassen, wenn sie von der eigenen Familie nur schöngefärbte Worte bekommt, denen sie nicht glaubt. Das Mosaik setzt sich allmählich zusammen, Leerstellen werden anhand von Hypothesen, erinnerten Sätzen aus der Vergangenheit oder Wunschdenken gefüllt. Der Roman beschäftigt sich mit einer Seite der jüngeren deutschen Geschichte, die in mir ebenfalls in Vergessenheit geraten ist. Doch die Tatsachenberichte aus den 00er Jahren kenne ich und die Erinnerung an diese Zeit steigt in mir auf. Es ist ein wichtiges Buch, das ich sehr empfehle, bitte unbedingt lesen!
Sehr vielschichtig, intensive Erzählungen über Kindheit, Osten, DDR, Familien Vergangenheit…
Ein Buch das mich viel hat nachdenken lassen was sich von der Geschichte auf die eigene Familien Geschichte auswirken kann. Während die Protagonistin versucht heraus zu finden was in ihrer Familien Geschichte passiert ist möchte man sich in seiner eigenen Geschichte auch besser auskennen. Große Empfehlung sich mit seinen Großeltern über deren Kindheit zu unterhalten:)))
Anne Rabes Roman „Die Möglichkeit von Glück“ hat mich sehr beschäftigt – aber auch zwiegespalten zurückgelassen. Einerseits ist es stark, wie die Autorin die Biografie ihrer Erzählerin mit der deutschen Geschichte verknüpft und damit zeigt, wie familiäre Gewalt, Schweigen und Traumata über Generationen hinweg weitergegeben werden können. Archivarbeit, Spurensuche und Erinnerungen bilden den Kern dieser Auseinandersetzung – und genau so muss ein Buch zu diesem Thema wohl sein: gründlich, bohrend, unbequem. Gleichzeitig fiel mir die Lektüre streckenweise schwer. Lange Recherchepassagen wirkten trocken, viele Spuren führten ins Nichts, und die Gewaltbeschreibungen waren teilweise sehr belastend. Auch die politische Dimension ist sehr scharf gezeichnet – das fand ich einerseits konsequent, andererseits hat es bei mir auch Irritationen ausgelöst, weil ich nicht alle Deutungen teilen konnte. Unterm Strich bleibt ein Roman, der mutig und konsequent Missstände und Verdrängung thematisiert, dabei aber auch Positionen einnimmt, die man kritisch hinterfragen muss. Für mich ein wichtiges, aber ambivalentes Buch – literarisch relevant, inhaltlich fordernd, emotional belastend.