Format:Softcover

Queer*Welten ist ein halbjährlich erscheinendes queerfeministisches Science-Fiction- und Fantasy-Zine, das sich zum Ziel gesetzt hat, Kurzgeschichten, Gedichte, Illustrationen und Essaybeiträge zu veröffentlichen, die marginalisierte Erfahrungen und die Geschichten Marginalisierter in einem phantastischen Rahmen sichtbar machen. Außerdem beinhaltet es einen Queertalsbericht mit Rezensionen, Lesetipps, Veranstaltungshinweisen und mehr. In dieser Ausgabe: Ritorna Vincitor von Carolin Lüders (Kurzgeschichte) Der Zustand der Welt von Aiki Mira (Kurzgeschichte) Ein Regenbogen aus Gold von Linda-Julie Geiger (Kurzgeschichte) Für alle Brüche von Claudia Klank (Prosagedicht) Hinter den Sternen von Sonja Lemke (Kurzgeschichte) Sonnenaufgang, Sonnenaufgang, Sonnenaufgang von Lauren Ring (Kurzgeschichte) What is dead may never die – Über Toxische Nostalgie von Christian Vogt (Essay) 13 Mini-Fiction Texte zum Thema Aufgeregt Marginalisiert Der Queertalsbericht 01/2022

Science-Fiction & Fantasy
120 SeitenSoftcover
Erschienen an: June 5, 2022

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Ralf Schneider Rezension von Ralf Schneider

Es freut mich sehr, dass der Band 08/2022 von Queer*Welten sich dem Begriff “unaufgeregt” in der Form gewidmet hat, alles andere, bloß nicht das zu sein. Um auf die Bedürfnisse, Sorgen, Ängste, Wünsche und Erfahrungen von marginalisierten Menschen aufmerksam zu machen, gehört es, wie von den drei Herausgeberinnen so schön im Vorwort geschildert, wesentlich mehr dazu, als Randcharaktere in Geschichten, gleichgültig ob kurz oder lang, mit von Marginalisierung betroffenen Eigenschaften oder Wesenszügen zu schmücken. Die Marginalisierung von Menschen muss deutlich ausfallen, so deutlich, dass sie dem/der ein oder anderen womöglich als zu laut erscheinen möge. Aber zu laut gibt es bei diesem speziellen Anlass überhaupt nicht. Es kann im Grunde gar nicht laut genug sein. Doch die Thematisierung einer Marginalisierung als “zu laut” zu bezeichnen ist, wie ich finde, gleichzeitig auch ein Symptom des Problems. Ich wage mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass exakt diejenigen, die es als “zu laut” betrachten, Hauptcharaktere mit ihrer lebenslangen Erfahrung an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden, zum zentralen Thema einer Geschichte zu machen, diejenigen sind, die passiv oder aktiv zu ihrer Marginalisierung beitragen. Wenn diese echauffierten Menschen es lieber hätten, man solle sich doch bitte “unaufgeregt” auf das Erzählen von guten Geschichten beschränken, wird es nur überdeutlich, dass hier an etwas gekratzt wurde, bei dem schon lange der Lack ab ist: nämlich das Bild einer binären Welt von Mann und Frau, von männlich und weiblich, von starkem und schwachem Geschlecht von normal und “nicht normal”. Man könnte nun im Angesicht der immer wieder “das Andere” blockierenden Traditionalist*innen im Strahl kotzen oder aber … laut werden. Wobei “laut” eine, wie ich finde, relative Präposition ist, die vor allem den deutlich wahrnehmbaren Unterschied zum Status Quo wiedergibt. Ein heftiger Nieser im Lesesaal einer Bibliothek und einer mitten im Pogo tanzenden Pulk auf einem Open Air-Festival wird als durchaus unterschiedlich laut empfunden. Wenn also so etwas wie das Ans-Licht-bringen von marginalisierten Menschen als laut oder zu laut empfunden wird, haben die Autor*innen und Herausgeber*innen alles richtig gemacht. Buchreihen wie Queer*Welten mögen zwar Menschen, die sich der LGBTQIA*-Community zugehörig fühlen oder/und auf sie aufmerksam machen wollen, Möglichkeiten bieten, Geschichten über queere Menschen zu erzählen, was sie aber eigentlich tun ist, Gedanken über vergangene und gegenwärtige Gesellschaften zu erzeugen, die queere Menschen ausgrenzen, verfolgen, bestrafen oder vernichten. Folgt man den marginalisierten Charakteren auf ihren steinigen Wegen, erfährt man so viel mehr über die breite, oft ignorante, manchmal willentlich marginalisierende Masse, als über die Protagonist*innen der Erzählungen selbst. Und das, was man dabei erfährt, gibt einem zu denken, macht traurig oder schockiert. Also: Wer die Geschichten in Queer*Welten als zu laut bezeichnen sollte, möge sich fragen, was in deren bisheriger Welt so alles falsch lief. Zum Aufbau der Ausgabe 08/2022: Die drei Herausgeberinnen Judith Vogt, Lena Richter und Heike Knopp-Sullivan haben sich entschieden, die veröffentlichten Kurzgeschichten mit Einsprengseln abzuwechseln. Hierbei handelt es sich um 100-Wort-Geschichten, die genau das sind: Geschichten aus 100 Wörtern. Eine Kurzgeschichte gut zu schreiben ist schon schwer genug, aber eine Geschichte mit 100 Wörtern zu erzählen … chapeau. Neben diesen beiden Textsorten versteckt sich aber noch mehr, nämlich ein Gedicht sowie ein Essay. Als besonders gelungen empfinde ich die Struktur des Bandes, weil es mir bei Anthologien oft schwer fällt, mich ohne längere Pause von einer Kurzgeschichte zur nächsten zu wagen. Da wird man als ahnungslose*r Leser*in innerhalb kürzester Zeit in eine Handlung gezogen, mit neuen Charakteren konfrontiert nur um dann am Ende … wenn’s gut läuft … berührt, überrascht oder geschockt aus dem literarischen Kinosaal geworfen zu werden. Gelang der/dem Autor*in die Immersion, fällt es zumindest mir nicht immer leicht, einfach zur nächsten Geschichte zu springen, ohne dass Eindrücke und Fragen der gerade beendeten Handlung im Geiste nachhallen und unglücklicherweise von der neuen ablenken. Umso erfrischender ist die Methode, den Prozess des Nachsinnens durch die hier dargebotenen 100-Wort-Geschichten so dermaßen abrupt zu unterbrechen, dass man an ein Remake der ALS Ice Bucket Challenge von 2014 glauben könnte. Schockartig abgekühlt kann man so die eine Kurzgeschichte hinter sich lassen und sich unbeeinflusst der nächsten widmen. Die Herausgeberinnen sollten sich dieses Verfahren patentieren lassen, sofern es in der Literaturgeschichte hierfür nicht schon Vorläufer gibt … gerne Hinweise an mich. … dass die ein oder andere 100-Wort-Geschichte den Einzug ins Inhaltsverzeichnis nicht schaffte, kann hierbei einfach mal übergangen werden … und wird dadurch kompensiert, dass das Papier des Bandes … zumindest meine Ausgabe … angenehm harzig duftet.

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