Format:eBook

Ein Krieg geht zu Ende. Irgendwann. Irgendwo. Menschen irren durchs Land. Vertrieben aus Häusern, Dörfern, Lagern. Wie der siebzehnjährige Junge, dessen Schulterblätter wie Flügelstummel aus dem Rücken stehen. Er hat es geschafft zu entkommen. Dem Todesmarsch, dem Örtchen Welcherweg und auch der jungen Aneska, die ihn anstelle ihres im Krieg verschollenen Ehemanns bei sich behalten wollte. Nun folgt er seinem inneren Kompass in Richtung Nord, wo er einmal zu Hause war. Unterwegs begegnet er einem anderen Jungen, auch er mit einer tief eingegrabenen Geschichte, deren Geheimnis er unter der zerschlissenen Kleidung trägt. Ohne Hoffnung und ohne Ziel schließt er sich dem Erzähler an, und eine gewisse Zeit bewegen sie sich gemeinsam durch die von Schönheit und Zerstörung gleichermaßen bestimmte Landschaft.Merethe Lindstrøm erforscht in Nord, was mit gewöhnlichen Menschen unter extremen Bedingungen geschieht. Sie umkreist in diesem eindringlichen, unheimlichen Roman den Nullpunkt der Existenz, der in jeder Kriegs- und Fluchtsituation entsteht, wenn Nahrung, ein Zuhause, ein Bett fehlen, schlicht ein Ort, an den man gehört. Nord umfasst alle Kriege, in denen Gesellschaften und Strukturen zerstört wurden, und doch gelingt es Lindstrøm, auch von der Hoffnung zu erzählen und von der betörenden Schönheit der Natur in einem dunklen Universum.

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
202 SeiteneBook
Erschienen an: 2023-02-02

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Aktuelle Rezensionen(1)

4.0(1 ratings)
JuliaRezension von Julia

Hier trifft Filigrane Ästhetik auf derbe Weltwahrnehmung und bestialischen Kontext. Und die Leserin bewegt sich durch das narrative Dickicht aus Erinnerung und Perspektive. Da nimmt man mal die falsche Abzweigung und scheint sich am selben (Erzähl)Ort wie vor 30 Seiten zu befinden, doch irgendwas hat sich in den Figuren bewegt. Möglicherweise sind sie verzweifelter, hungriger, verstörter. Die Frage, die mich beim Lesen umtrieb, war nicht: wie ist der Erzähler in diese Situation geraten (und diese Frage will das Buch auch gar nicht beantworten, denn es möchte sich historisch und lokal nicht festlegen, wo der Mensch dem Mensch sein Wolf ist/ war/ sein könnte), sondern immer nur: wie kommt er da wieder heraus? Kommt er da wieder heraus? Ich übe mich also im magischen Denken: alles wird wieder gut, irgendwas Positives wird den Figuren passieren - aber das Buch will nicht, dass ich mich wohl fühle, so scheint es mir. Und so wiegt es mit den schönsten Sätzen und berührend originellem Sprachgebrauch vielleicht für einen Moment in Optimismus, doch der währt immer nur kurz. Hier changiert es zwischen Hoffnung und Brachialität. Und folgende Frage bleibt mir: schreiben Frauen eigentlich anders über Krieg? „Weine, bis der Schlaf die Gedanken mitsamt ihrer Wurzeln ausreißt und ins Ödland des Bewusstseins schleudert.“ „Solche wie wir, Schatten auf einer Wand, die jäh vom Sonnenlicht getroffen wird, wenn wir in eine Scheune treten, in einer offenen Tür stehen.“ „Über uns der Himmel, aufgespannt bis zum Horizont, eine Leinwand, auf die der Tag mühselig seine Skizze kritzelt.“

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