George Eliots virtuos komponierter Roman »Middlemarch« ist ein Meisterwerk realistischer Literatur: Mit ungeheurer erzählerischer Finesse entwirft er ein ebenso getreues wie dichtes Gesellschafts- und Sittenporträt der englischen Provinz Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei gelingt es Eliot auf spielerisch leichte und geradezu verblüffende Weise, ihren zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren Leben einzuhauchen und den zeittypischen Kampf um Selbstbestimmung und soziale Teilhabe hautnah erfahrbar zu machen. Die stoffliche und stilistische Vielfalt von Eliots 1871/72 erschienenem Monumentalroman faszinieren bis heute.
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Middlemarch
von George Eliot, Irmgard Nickel
George Eliots virtuos komponierter Roman »Middlemarch« ist ein Meisterwerk realistischer Literatur: Mit ungeheurer erzählerischer Finesse entwirft er ein ebenso getreues wie dichtes Gesellschafts- und Sittenporträt der englischen Provinz Ende des 19. Jahrhunderts. Dabei gelingt es Eliot auf spielerisch leichte und geradezu verblüffende Weise, ihren zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren Leben einzuhauchen und den zeittypischen Kampf um Selbstbestimmung und soziale Teilhabe hautnah erfahrbar zu machen. Die stoffliche und stilistische Vielfalt von Eliots 1871/72 erschienenem Monumentalroman faszinieren bis heute.
Aktuelle Rezensionen(2)
Ich liebe Klassiker und ich liebe Schmöker - und dieser Brocken gehört in beide Kategorien absolut mit rein: Es passiert eigentlich nicht viel, aber entlang der Leben einer Handvoll Hauptpersonen entspannt sich ein schillerndes Panorama der englischen Kleinstadt um 1830. Die Charaktere werden bis ins Detail ausgebreitet, so dass es eine große Freude ist an ihren Leben teilzuhaben. Melanie Walz fängt in ihrer Neuübersetzung den feingeistigen und mitunter spöttischen Humor der Autorin dabei perfekt ein. Also: 1200 Seiten, die echt Spaß gemacht haben - auch wenn sie für mich nicht ganz an Henry James, Tolstoi und Co. ranreichen.
Update 07.02.26 Der Versuch einer längeren Rezi In a nutshell: Eine eng gewobenes, strukturell wie sprachlich herausragendes, analytisches, gefühlvolles, scharfsinniges epochales Monumentalwerk. Eliot beweist ein herausragendes schriftstellerisches Prinzip. Und um den Übersetzer meiner Ausgabe Rainer Zerbst zu zitieren: "[...] der Stil ist zugleich aus Ausdruck der Philosophie der Autorin; ihre komplexen und komplizierten Satzstrukturen, ihr Bemühen um ein Geflecht von kausalen Beziehungen der Nebensätze, um Aufdeckung von Parallelen und Kontrasten stimmt mit ihrer Gesellschaftstheorie überein." WAS SOLL MAN DA NOCH SAGEN <3 <3 In länger: Ich glaube, was mich von Middlemarch so begeistert hat, ist, dass das Werk ein absolut wissenschaftliches ist. Wie der Name selbst sagt "Eine Studie über das Leben der Provinz", so ist das Buch wahrlich eine historische Studie. Augenscheinliche einzelne Observationen, die sich in Summe zu einer Gesamtpopulation verbinden und dem Lesenden erlauben Aussagen über diese zu treffen bzw. zumindest zu glauben, etwas über sie gelernt zu haben. Der Übersetzer meiner Ausgabe Rainer Zerbst schreibt im Nachwort "Wie so oft gelingt es George Eliot in einem einzigen Satz, die Informationen über die jeweilige Szene mit zusätzlicher Information über das Denken und Fühlen der Gesellschaft zu verbinden." Kritiker Elitos haben geschrieben "eine Schatzkammer an Details, aber als Ganzes indifferenziert, ohne Zusammenhalt". Das könnte für mich nicht falscher sein. Alle Facetten, alle Charaktere fügen sich gemeinsam in ein Mosaik ein aus authentischer Zeitzeugenschaft und historischem Kontext. Eliot erzählt uns nicht, wie es damals in den Provinzen Englands war, sie zeigt es uns - auf vielschichtige, analytische, gefühlvolle und scharfsinnige Weise durch eine Komposition, die seinesgleichen sucht. Wenn man erfährt, dass Eliot die Geschichten von zwei der Hauptcharaktere (Dorothea, Lidgate) ursprünglich voneinander getrennt begonnen und als eigenständige Geschichten gesehen hatte, die sie dann irgendwann zusammengelegt als Basis für Middlemarch verwendete, wird noch klarer, wie einzigartig Eliot in ihrem Talent war, die Zustände (innerlich, wie äußerlich) ihrer Zeit zu observieren, festzuhalten und gesellschaftliche Zusammenhänge zu generalisieren. Ihre Geschichte ist auch insofern eine wissenschaftliche Studie, das sie nicht beschönigt und versucht "neutral" zu sein, obgleich es ein Roman ist mit Held:innen und Helden (oder auch nicht?). Beispielsweise lernen wir Dorothea und ihren Ehemann Causabon kennen, ein Mann, der sich schrecklich verhält ihr gegenüber. Doch nach einigen hundert Seiten, wechselt Eliot auf einmal die Perspektive "Warum immer Dorothea?" und lässt uns ins Causabons Inneres absteigen, um auch seine Beweggründe, Hindernisse, Fehler und Wünsche zu sehen. Eliot erlaubt uns auch hier, wieder selbst zu observieren und zu analyiseren. Auch ist das Buch in dem Sinne wenig normativ/träumerisch, dass die Frauen in Middlemarch zumeist auf ihre konservativen Rollen der Zeit beschränkt werden. Den Bechdel-Test (danke Phoenix für die Aufklärung dazu) würde das Buch wahrscheinlich nicht bestehen. Hier muss aber auch gesagt sein, das zwar hier und da ironische Bewertungen der Männer-/Fraunrollen-Dichotomie stattfinden, Eliot aber wohl selbst nie an der Front der Frauenbewegung stand und dort eher zurückhalten war. Mir hat ebenso gefallen, dass die Studie, die einer Provinz mit all ihren alltäglichen Beziehungen, Dramen und Einzelpersonen ist, aber es unbedingt auch um den größeren politischen Kontext und die religiösen Zustände der Zeit geht. In Jane Austens Pride and Prejuidce z.B. kann ich mich kaum daran erinnern, dass es um Politik oder Religion ging (außer, um Ränge festzulegen). In Middlemarch ist der politische Tumult (die Reformzeit) und die religiösen Wirrungen (die Katholikenfrage z.B.) präsent in allerlei wiederum individuellen Entscheidungen und Einzelobservationen. "There is no private life which has not been determined by a wider public life", schreibt Eliot selbst in einem anderen Werk. Meine Ausgabe ist traumhaft schön von "dtv" als Taschenbuch (als Hardcover hätte ich die knapp 1200 Seiten auch nicht verkraftet). Was mich wahnsinnig gemacht hat, war die Entscheidung die Fußnoten an das Ende des Buches zu setzen. Es gab viel zu lernen im Buch und ich war dauernd mit blättern beschäftigt. Das Vorwort der Autorin selbst und das Nachwort des Übersetzers waren unfassbar interessant. Hach, was eine Erfahrung. -- 20.01.26 Was ein epochales Monumentalwerk! Ich habe nun knapp zwei Wochen hier in Bali in einer englischen Provinzstadt des 19. Jahrhundert verbracht und dies mit großer Freude. Eine eng gewobenes, strukturell wie sprachlich herausragendes, analytisches, gefühlvolles, scharfsinniges Werk eines meiner liebsten Genres „historical fiction“. Keine Seite der knapp 1100 war zu viel und ich hätte mit Freuden noch weitere 1000 in Middlemarch mit Dorothea, Mary, Fred, Lydgate und Co. verbracht, wenn es sie gegeben hätte. Marian Evans hat mir ein frühes 2026 Lesehighlight beschert sowie ein neues Buch in meiner absoluten Favoriten-Riege. Meine ausführliche Rezi kommt, sobald ich wieder am Laptop bin (circa eine Woche). Danke @Marion, für dieses wunderbare Weihnachtsgeschenk (und dann noch in der wundervollsten Ausgabe).