4.5

Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind

von Esther Safran Foer, Tobias Schnettler

Format:Hardcover

»›Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind‹ ist eine herausfordernde, komplexe [...] Lektüre. Und eine unbedingt lohnende.«

Biografien & Memoiren
288 SeitenHardcover
Erschienen an: November 5, 2020

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4.5(2 ratings)
Mrs MoriartyRezension von Mrs Moriarty

Esther Safran Foers Buch ist eine Annäherung an ihre Familiengeschichte. Die Suche nach ihren ermordeten Verwandten, aber auch die Annäherung daran, wie Erinnerung funktionieren kann. Sie beschreibt dabei auch, wie schwierig es ist, Nachforschungen über Menschen an zustellen, die sie selbst nicht kannte, und über die sie im Grunde nur Bruchstückhaft Dinge weiß, die wiederum aus der Erinnerung ihrer Mutter oder anderer stammten. Gleichzeitig geht es auch um das Schweigen über die Shoa (jüd. Bezeichnung für den Holocaust) und wie die Nachfahren Überlebender mit diesem Trauma umgehen. Was das mit ihnen macht, was das mit ihr gemacht hat. Das Schweigen ist dabei ein besonders wichtiger Faktor. So hat auch ihre eigene Mutter kaum über ihre Erlebnisse gesprochen und wenn dann auch zu Esthers Überraschung erst mit den Enkelkindern und nicht mit ihrer Tochter. Nicht nur weil sie das Gefühl hatten, alles hinter sich lassen zu müssen um weiter machen zu können, sondern auch, weil niemand zu hören wollte. Auch Esther selbst hat sich dieser Geschichte erst gestellt, als ihr Sohn Jonathan begann Nachforschungen zu stellen. Im Grunde ist sein Roman "Alles ist erleuchtet", ein Startpunkt für Esther gewesen, sich den Geheimnissen ihrer Familie anzunehmen. Dabei geht es ihr gar nicht so sehr darum, alle Wahrheiten zu entschlüsseln, aber viel mehr einen eigenen Umgang mit der Vergangenheit zu finden. Daher ist das ihr ganz eigener Weg und für sie ihre Möglichkeit, sich an die Ermordeten zu erinnern, gerade weil es nur Massengräber als sonstige Erinnerungsorte gibt. In der jüdischen Tradition spielen Namen eine wichtige Rolle. Es ist ganz normal, die Vornamen der verstorbenen (z.B. Vorfahren, die Namen der eigenen Eltern, Großeltern usw). an die eigenen Kinder weiter zu geben, dabei sind mehrere Namen keine Seltenheit. Auch deshalb spielen Namen in diesem Buch eine zentrale Rolle. Für Esther, aber auch in vielen offiziellen Veranstaltungen zu Erinnerung an den Holocaust, geben die Namen den Ermordeten ihre Würde, aber auch ihre Identität zurück. Sie werden sichtbar. Es gab sie, sie haben gelebt. Manchmal kann einen die Fülle an Namen etwas erschlagen. Das schreibt die Autorin sogar auch selbst. Nicht alle Verwandtschaftsverhältnisse habe ich daher behalten. Das war zum Teil echt etwas überladen. Aber ich kann versehen, wie wichtig ihr dieser Punkt ist. Gerade über ihre Schwester Asya, die Halbschwester, die Tochter der ersten Ehefrau von Esters Vater, weiß man leider nichts. Es gibt kein Foto. Esther hat nur den Namen und weiß, wo sie ermordet wurde, in welchem Massengrab sie liegt. Es hat mich sehr berührt, das letztendlich einen Weg gefunden hat, auch durch dieses Buch die Erinnerung wach zu halten. Erschreckend ist dabei, wie in der Ukraine selbst mit der Erinnerung umgegangen wird. Hier weiß ich tatsächlich zu wenig, aber durch das Buch scheint schon durch, das dort keine wirkliche Aufklärung über den Holocaust zu herrschen scheint. Laut Foer gibt es z.B. keinen gezielten Schulunterricht über diese Zeit und vor allem über die Rolle der Ukraine. Die angebrachten Erinnerungstafeln werden oft zerrstört und es gibt z.B. oft keine Erwähnungen über den jüdischen Hintergrund verschiedener Städte in Broschüren die etwa Touristen erhalten. Lange gab es über Trochenbrod, der zentralen Stadt in der Esters Familiengeschichte beginnt, keine Informationen über das Shtetl. Die Informationen waren so dürftig, das Jonathan Safran Foer in seinem Roman, das Shtetl und das Leben dort komplett erfunden hat. Das führte sogar dazu, das manche Außenstehende dachten, die Stadt sei komplett erfunden. Gleichzeitig ist das Buch trotz des traurigen Themas so lebensbejahend. Die Familie ist trotz allem gewachsen und durch die Recherchen wurden neue Bande geknüpft, Verwandte gefunden und letztendlich ist das Buch auch ein Zeugnis darüber, das es den Nationalsozialisten nicht gelungen ist, alle Juden zu ermorden. Es gibt wieder jüdisches Leben in der Welt und sie haben große Familien, bilden Netzwerke, halte die Erinnerung hoch. Aber sind eben auch Teil unserer heutigen Geschichte und das jeden Tag aufs neue. Esther Safran Foer hat neben all der Traurigkeit, trotzdem auch Positives aus dem Trauma ihrer Familie ziehen können. Für mich ist das irgendwie so ein Sieg über die Nationalsozialisten, bei all dem Schmerz, bei all dem Hass,abgebrochenen Lebensläufen, Geschichten die für immer verloren sind, gibt es auch Liebe, Erinnerung und Zukunft.

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