4.0

Hier liegt Bitterkeit begraben

von Cynthia Fleury, Andrea Hemminger

Format:Hardcover
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»Ressentiments sind die gefährlichste Krankheit für die Demokratie.«Die politische Philosophie und die Psychoanalyse teilen ein Problem, das sowohl für das Leben der Menschen als auch für die Gesellschaft eine Gefährdung darstellt: die dumpfe Unzufriedenheit, diese Bitterkeit, die unter die Haut gehen kann – das Ressentiment. Die Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury begibt sich in ihrem gefeierten Buch auf die Suche nach den Ursprüngen und dem innersten Wesen des Ressentiments. Was können wir tun, um in unseren Demokratien dessen bedrohliche Impulse einzudämmen? Wie können wir Ressentiments heilen? Fleury taucht tief ein in die einschlägigen Überlegungen von Friedrich Nietzsche, Max Scheler, Sigmund Freud, Theodor W. Adorno und Frantz Fanon und entwickelt eine klinische Sichtweise: Für einen Patienten besteht das Ziel der Therapie nicht allein in Erkenntnis und Wissen, sondern in der Fähigkeit, durch das eigene Leiden hindurch wieder zum Handeln zu gelangen. Auf der Ebene kollektiver Prozesse des Ressentiments, die in unserer globalisierten Welt mit zunehmender Heftigkeit auftreten, steht das Verhältnis von Psyche und Politik im Zentrum: Der demokratische Rechtsstaat ist in dieser Perspektive nicht nur ein institutionelles Verfahren, sondern auch eine notwendige Form der »Fürsorge«, um zu verhindern, dass die Bürgerinnen in Ressentiments abgleiten. Eine faszinierende Untersuchung an der Schnittstelle von Philosophie, Psychoanalyse und Politik.

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
316 SeitenHardcover
Erschienen an: June 19, 2023

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Weiche ZäuneRezension von Weiche Zäune

Nichts weniger als eine fundamentale Theorie des Ressentiments und was man dagegen tun kann versucht die französische Philosophin Cynthia Fleury in ihrem Großwerk über die Verbitterung. Diese Bitterkeit kennt Fleury - und das ist das besondere und auch ziemlich alleinstellende Merkmal ihres Buches - aus der psychotherapeutischen Praxis. Diese Doppelberufung als philosophische Psychologin gibt ihrer Arbeit ein tiefe praktische Fundierung die mehr an den spezifischen Problemen und ihren strukturellen psychischen Ursachen interessiert ist als an einer allesumfassenden Theorie. Letztere entsteht eher beiläufig. In der Praxis begegnet ihr das Ressentiment meist in Form einer wortreichen Umgehung oder schlichten Weigerung der Patienten sich einer Analyse und möglichen Therapie ihrer Probleme zu stellen. Denn ist immer noch einfacher und komfortabler an der Bitterkeit, Reue und der Wut auf die miesen Umstände und die fiesen Anderen festzuhalten, als einen Ausweg zu suchen, der das je eigene Selbstbild und Selbstverständnis in Frage stellen könnte, einfacher die Schuld bei Anderen im Außen zu suchen. Und genau dieses trotzige Festhalten am Kummer und am sich Ärgern ist jenseits der klinischen Fälle allgemein verstanden exakt der Nährboden auf dem das Ressentiment wächst und gedeiht und die toxischen Knospen von Faschismus, Rassismus, Antisemitismus und all den weiteren Ismen treibt. Nicht zuletzt weil das Festhaltung an der Kränkung auch eine lustvolle Komponente hat unterläuft das Ressentiment einfache Step-by-Step Lösungen wie sie Lebenshilfe Ratgeber en masse anbieten ziemlich leicht. Die internalisierte Bitterkeit ist komplex. Der Knoten lässt sich nur durch harte Arbeit auflösen, durch Problembewusstsein und stetes Fordern, Sublimieren, zu einem Werk machen wie Adorno, Nietzsche oder Norbert Elias, zu Melancholie wie Montaigne, mit Rilke, das Offene wählen. Geheucheltes Verständnis für boshafte Dummheiten, die Leute "mitnehmen" ist Fleurys Sache definitiv nicht. Klare Kante und Fordern bis zur Überforderung schon eher. Was übrigens auch für den immens dichten, assoziationsreichen und hyperkomplexen Text selbst gilt. Niemals vereinfachen, Bullshit niemals durchgehen lassen, beharren gerade dann wenn es eigentlich schon zu viel wird.

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