Empfehlungen basierend auf "Die heile Welt der Diktatur Alltag und Herrschaft in der DDR 1971-1989"
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von Manfred Görtemaker
Als das Bundesministerium der Justiz 1949 seine Arbeit aufnahm, kam es zu ganz erheblichen personellen und politischen Verflechtungen mit dem "Dritten Reich“. Dass Juristen, die eine stark belastete NS-Vergangenheit hatten, in der Behörde Dienst taten, wurde nicht als problematisch empfunden. Dieses grundlegende Werk zeigt, wer alles im Ministerium unterkam und welchen Einfluss das auf die Rechtspraxis hatte – nicht zuletzt bei der Strafverfolgung von NS-Tätern. Die "Rosenburg" in Bonn war von der Gründung der Bundesrepublik bis 1973 der Sitz des Bundesministeriums der Justiz. 2012 setzte das Ministerium eine Unabhängige Wissenschaftliche Kommission ein, die den Umgang der Behörde mit der NS-Vergangenheit in den Anfangsjahren der Bundesrepublik erforschen sollte. Zu diesem Zweck erhielt die Kommission uneingeschränkten Aktenzugang. Dieses Buch präsentiert ihre Ergebnisse. Zum "Geist der Rosenburg", so zeigt die Studie, trugen maßgeblich Beamte und Mitarbeiter bei, die zuvor im Reichsjustizministerium, bei Sondergerichten und als Wehrrichter tätig gewesen waren. Ihre Karrieren vor und nach 1945 zeichnet die Kommission ebenso nach wie die Belastungen, die dies für das Ministerium und den Inhalt seiner Politik darstellte. So wird unter anderem gezeigt, welche zentrale Rolle das Ministerium spielte, als 1968 Zehntausende von Strafverfahren gegen NS-Täter eingestellt wurden.
von Horst Krüger
»Das zerbrochene Haus« ist Horst Krügers Bilanz seiner Jugend in Berlin im nationalsozialistischen Deutschland, ein Bekenntnis und eine scharfsichtige Analyse des verführten deutschen Kleinbürgertums. Krüger, der sich selbst als »typischen Sohn jener harmlosen Deutschen, die niemals Nazis waren und ohne die die Nazis ihr Werk nie hätten tun können«, charakterisiert, zieht Bilanz, weil er wissen möchte, »wie das damals war unter Hitler«.
von Walter Kempowski
Dies ist eine ganz und gar einzigartige Dokumentation! Man kann Walter Kempowski gar nicht genug danken für die Sisyphosarbeit, von der das 1993 erstmals erschienene "kollektive Tagebuch" Zeugnis gibt: 15 Jahre hat er Biografien, Tagebücher, Briefe, Fotos, Akten und Notizen gesichtet, ausgewählt und geordnet, um uns mit ihrer Hilfe einen ganz besonderen, originären Einblick in ein außerordentliches Kapitel Zeit- und kollektive Seelengeschichte zu ermöglichen. Der Dokumentar enthält sich jeden Kommentars und lässt die Texte der Berühmten, Berüchtigten und der zahllosen Unbekannten für sich selber sprechen. Allein die Zu- und Anordnung, von der aufwändigen Recherche einmal ganz abgesehen, ist eine Meisterleistung und macht aus dem archivarischen Konvolut große Literatur.Das Echolot für die Monate Januar und Februar 1943, dem Kempowski mittlerweile mit Fuga Furiosa, 12.1.-14.2.45 und Barbarossa '41 weitere Bände hat folgen lassen, ist ein Werk, das den Leser unweigerlich mit in die Tiefe zieht. Funksprüche stehen hier neben Liebesbriefen, Frontberichte neben Einträgen in Terminkalender, literarische Arbeitsnotizen neben Klassenbucheinträgen. Kempowski selbst hat einmal gesagt, wer sich mit dem Echolot zu befassen beginne, habe "kaum eine Chance zu entkommen". So ist es!In den montierten Stücken verliert man sich, hier und da erschrickt man, wundert und empört sich oder grübelt einem Gedanken nach -- jenem etwa, den Albert Camus unter dem Datum 10. Februar 1943 notiert hat: "Das ganze Problem des Absurden müßte sich auf eine Kritik des Werturteils und des Tatsachenurteils konzentrieren lassen." An manchen Stellen muss man sogar einmal lachen. Wenn etwa ein Zensor aus einem beanstandeten Brief zitiert: "Liebe Inge! Wenn Du wüßtest, wie es mir geht, Dir stünde der Arsch voll Tränen."Meist jedoch überwiegt ein Gefühl der Bestürzung: Bestürzung darüber, was man den Autoren allesamt voraus hat: das Wissen um das Ende -- um die Hinrichtung etwa, die Sophie Scholl nur wenige Tage nach dem 17. Februar bevorsteht, als sie an ihre Freundin Lisa Remppis schreibt: "O, ich freue mich wieder so sehr auf den Frühling." So verschlingt man Band um Band und taucht am Ende aus dem Meer fremder Erinnerungen mit einem anderen Blick auf die Vergangenheit und mit geschärften Sinnen für die Gegenwart wieder auf.Als Walter Kempowski für sein Gesamtwerk, insbesondere aber für Das Echolot 1994 mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet wurde, hat Gerd Langguth in seiner Ansprache gesagt, dies sei ein "auch im wörtlichen Sinne großes Werk von ebenso zeitgeschichtlicher wie literarischer Bedeutung -- wohl einzigartig in der Literatur unseres Jahrhunderts". Dem ist nichts hinzuzufügen! --Andreas Vierecke
von Christian Schweppe
Zeit der Zauderer – warum Deutschland die Zeitenwende verschläft Sonntag, 27. Februar 2022. Olaf Scholz tritt im Bundestag ans Rednerpult: Zeitenwende. An diesem Tag beginnt das Buch von Christian Schweppe. Der Journalist hat sich an die Fersen derjenigen geheftet, die des Kanzlers Worte in Taten übersetzen müssen: Minister, Abgeordnete, Militärs. Er fährt in Munitionsdepots und auf alte Militärflugplätze. Er wertet geheime Papiere aus, taucht tief ein in die Welt der deutschen Armee und folgt auch der Spur des Geldes, denn die Rüstungsindustrie wittert das große Geschäft, seit der Kanzler Aufrüstung versprochen hat. Zweieinhalb Jahre später wird klar: Die Welt mag in einer neuen Zeit aufgewacht sein, die Bundeswehr ist es nicht. Diese Langzeitreportage zeigt, wie es dazu kam und warum. Ein investigativer Blick hinter die Kulissen eines Polit-Dramas. Mehr als zwei Jahre ist Christian Schweppe durchs Land gereist und hat beobachtet, was aus der versprochenen deutschen Zeitenwende jenseits von Ankündigungen und Plänen wirklich geworden ist. Er besucht Munitionslager und geheime Flugplätze. Er sitzt mit Christine Lambrecht im Regierungsflieger und verfolgt ihren politischen Absturz. Er zeigt auf, wie wertvolle Zeit verschwendet wird. Er trifft einfache Soldaten und ranghohe Generäle, besucht den verschwiegenen Verteidigungsausschuss und seine Vorsitzende, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die sich immer mehr zur Gegenspielerin des Kanzlers entwickelt. Am Ende der Recherchen steht ein bitteres Bild: Die Bundesrepublik ist trotz allem nicht wirklich sicherer geworden. Im Kriegsfall wären wir weitgehend wehrlos. Warum? Dieser Insider-Report erzählt die ganze erschreckende Geschichte und bietet eine bedrückende Innenansicht der Zeitenwende. „Wir erleben eine Zeitenwende.“ Bundeskanzler Olaf Scholz im Deutschen Bundestag, 27. Februar 2022 • Zu wenig, zu spät: die wahre Geschichte hinter der Zeitenwende • Wie wir wehrlos wurden – und warum • Mechanismen und Blockaden der deutschen Sicherheitspolitik • Detailreiche, szenische Reportage: nahe dran an den handelnden Personen • Ein investigativer Blick hinter die Kulissen eines Polit- Dramas • Für alle Leser:innen von Robin Alexander und Stefan Lamby
von Bruno Apitz
Ein Welterfolg in neuem Licht Der Roman 'Nackt unter Wölfen', in 30 Sprachen übersetzt, erzählt die bewegende Geschichte eines dreijährigen Kindes, das unter den unmenschlichen Bedingungen des KZ Buchenwald von Häftlingen gerettet wird. Aber es handelt ebenso von den Konflikten seiner Retter, die ihrem Gewissen folgen müssen und dabei die Gesetze der Illegalität brechen. Die aussergewöhnliche Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte rückt Roman und Autor nun nach über fünfzig Jahren in ein neues Licht. Diese Geschichte hat Leser in aller Welt bewegt: In einem Koffer versteckt, wird im Frühjahr 1945 ein dreijähriger Junge in das KZ Buchenwald gebracht. Wenn die SS das Kind findet, ist ihm der Tod gewiss. Mit Hilfe des illegalen Lagerkomitees könnte es verborgen werden, aber man fürchtet, die gesamte konspirative Arbeit zu gefährden. Aller Vernunft zum Trotz widersetzen sich zwei Häftlinge der Anweisung des ILK, den Kleinen mit einem Transport nach Bergen-Belsen weiterzuschicken. Herz und Gewissen siegen über die Parteidisziplin, denn das Überleben des Jungen ist längst zum Sinnbild für den Überlebenswillen der Häftlinge geworden. Der Roman entstand frei nach Motiven einer wahren Begebenheit, wurde jedoch als Tatsachenbericht und als Symbol des antifaschistischen Widerstandskampfes rezipiert. Die erweiterte Neufassung macht nun deutlich, dass Apitz die Rolle der Kommunisten viel konfliktiver anlegte und das Lagerleben gnadenloser darstellen wollte.
von Ulla Fröhling
Missbrauch, Elektroschocks, Zwangsarbeit und Psychofolter - Alltag in der deutschen Auswanderersekte "Colonia Dignidad" in Chile. Sektenführer Paul Schäfer hatte unter dem Deckmantel bayrischer Idylle ein perfides Schreckensregime errichtet. Liebe war darin ein Fremdwort. Dennoch gab es sie. Heimlich. Gudrun und Wolfgang Müller, deren Liebesgeschichte dieses Buch erzählt, haben fast fünfzig Jahre Gehirnwäsche und Folter überlebt. Dann erfuhren sie die bittere Wahrheit über Paul Schäfer und zogen die einzige Konsequenz, die ihnen richtig schien: Sie verließen ihr mit Stacheldraht abgeriegeltes Gefängnis in Chile, das sie fast ihr ganzes Leben als Heimat betrachtet hatten ...
von Carola Stern, Ingke Brodersen
Verschieden Autoren, U.a. H. Mommsen, M. Pressler, U. Wölfel, Erzählen Geschichten Aus Der Zeit Des Nationalsozialismus.
von Lutz Hübner, Sarah Nemitz
Potsdam, September 1929: Auf einer Terrasse über den Dächern der Stadt porträtiert die jüdische Malerin Lotte Laserstein eine Gruppe von fünf Bekannten. In ihrem Atelier setzt sie die Arbeit fort. Zunächst ist die Atmosphäre beschwingt, im Lauf der Monate bis zur Reichstagswahl 1930 kippt die Stimmung: Börsenkrach, Weltwirtschaftskrise und dann ‒ der Aufstieg der Nazis. Was bedeutet das für die einzelnen Figuren? Wie verhalten sich Menschen, die unter Druck geraten? Wer wird zum Profiteur, wer zum Opfer, und wer leistet Widerstand? Lutz Hübner und Sarah Nemitz zeigen in ihrem 2017 uraufgeführten Theaterstück eine Gesellschaft, die sich radikalisiert ‒ ein brandaktuelles Thema. Mit Anmerkungen und einem Nachwort von Sascha Feuchert.
von Fritz Stern
Rezension: Fritz Sterns Erinnerungen sind weise, entschieden im Urteil, subtil. Sie sind vor allem das Werk eines leidenschaftlichen Bürgers und Demokraten. Fünf Deutschland und ein Leben legt grandios Zeugnis ab von der Überzeugung, dass die Geschichte uns eine Lehrmeisterin sein kann für ein moralisches Leben als Bürger und als Mensch. Die "deutsche Frage" wirft ihren Schatten auf die moderne Welt: Wie war es möglich, daß eine so zivilisierte Nation für das schrecklichste Verbrechen des 20. Jahrhunderts verantwortlich wurde? In diesem Buch, einer einzigartigen Verbindung aus Erinnerung und Geschichtsschreibung, betrachtet der große Historiker und Friedenspreisträger Fritz Stern die Frage durch das Prisma seines eigenen Lebens. Er verwebt historische Meistererzählung, scharfsinnige Analysen und dramatische Episoden seiner Lebensgeschichte zu einem unvergeßlichen Portrait jener fünf Deutschland, die er selbst miterlebt hat: Weimar, das "Dritte Reich", Bundesrepublik und DDR, das vereinigte Deutschland nach 1989. Seine Freundschaften mit deutschen Intellektuellen und Politikern haben ihm besonders tiefe Einblicke in die Grundlegung der liberalen Demokratie eröffnet. Doch Stern zeigt auch, daß die unruhige deutsche Geschichte politische Lektionen für die Bürger überall bereithält - vor allem für solche, die der Gefahr der Tyrannei entgegentreten wollen. (Verlagstext) (S. Preisler)
von Gert Schramm
Mit 16 Jahren war Gert Schramm der einzige schwarze Häftling im KZ Buchenwald. In der DDR schlug er eine Funktionärskarriere aus und arbeitete stattdessen als Kumpel in der Wismut und im Walzwerk. Nach der Wende baute er sein Taxiunternehmen aus und engagierte sich gegen Rechts. Die ungewöhnliche und bewegende Geschichte eines schwarzen Deutschen, der sich im »Dritten Reich«, in West-, Ost- und im Nachwendedeutschland behaupten musste, ist ein eindringliches Zeugnis dafür, wie Rassismus und Ausgrenzung die Gesellschaftssysteme überdauern und was man dagegen tun kann.„Dass ich es endlich geschafft habe, meine Geschichte aufzuschreiben, ist kein Ende. Es ist ein Anfang.“(Klappentext)