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Der Tanz auf dem Vulkan

von Marie Vieux-Chauvet, Kaiama L. Glover, Nathalie Lemmens

Format:Hardcover
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»Eine ergreifende Geschichte über Hass und Angst, Liebe und Verlust und die komplexen Spannungen zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten. Ein Meisterwerk.« Boston GlobePort-au-Prince 1792: Minette ist die Tochter einer freigelassenen Sklavin. Dank ihrer außergewöhnlichen Gesangsstimme darf sie als erste Farbige im Theater von Port-au-Prince auftreten. Auf den Zuschauerrängen sitzen die Kolonialherren. Sie sind durch die harte Arbeit ihrer Sklaven reich geworden und kopieren die Pariser Lebensart. Doch unter der Oberfläche brodelt es schon lange. Die Ausbeutung von Mensch und Natur schürt soziale und ethnische Spannungen. Minette verliebt sich in einen erfolgreichen Freigelassenen. Als sie jedoch bemerkt, dass er seine Sklaven genauso brutal behandelt wie die Weißen, bricht sie mit ihm und schließt sich einer Untergrundorganisation an.Wie schon in «Töchter Haitis» besticht Vieux-Chauvets Erzählkunst durch die lebensnahe Figurenzeichnung. Zudem ist «Tanz auf dem Vulkan» eine historische Tiefenlotung, die uns Geschichte und Gegenwart des Karibikstaates erschließt.

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
496 SeitenHardcover
Erschienen an: May 24, 2023

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CharRezension von Char

Der “Tanz auf dem Vulkan” erzählt die Vorgeschichte der haitianischen Revolution zum Ende des 18. Jahrhunderts anhand der persönlichen Geschichte von Minette und den Menschen um sie herum. Minette, eine “affranchie” ist die Tochter einer freigelassenen Sklavin und in Freiheit geboren. Durch ihr besonderes Gesangs- und Bühnentalent schafft sie es als erste nicht-weiße Darstellerin auf die Bühne des Theaterhauses des Pulverfasses Port-au-Prince. Die Protagonist:innen lebten tatsächlich und wie im Nachwort angemerkt sind auch die Lebensgeschichten sowie viele der erzählten Anekdoten im Theater echt und belegt. Marie Vieux-Chauvet gilt als eine der wichtigen Autor:innen Haitis und als eine der ersten Kunstschaffenden Haitis, die die Zeit der Vor-Revolution und darüber hinaus durch eine derart intersektionelle Brille (Hautfarbe, Ethnie, Geschlecht, Sexualität, gesellschaftlicher Stand) beleuchtet. Sie nutzt den Hintergrund der historischen Fakten (und man lernt sehr viel)- tatsächlich stehen im Fokus allerdings einzelne persönliche Erfahrungen. Es geht um die Frauen der Zeit, ihre spezifischen Erlebnisse, individuellen Kämpfe und Lebensrealitäten. Während im Hintergrund die “großen Männer” wie üblich die politischen Gemenge steuern, morden, brandschatzen, vergewaltigen, Dekrete aussprechen, Konkordate brechen und die “Heldentaten” vollbringen, beleuchtet ihr Roman all die Leben mit all den großen und kleinen Momenten und all den so essenziellen Beiträgen der Frauen, all jenes, was in den Geschichtsbüchern und Archiven nicht zu finden ist. Neben diesem Einblick schafft es Vieux-Chauvet auf eindringliche Weise abzubilden, wie heterogen, widersprüchlich und oftmals inkohärent auch die Gruppe der “gens de couleur” (people of colour) zu der Zeit agierte und war: Es gab Sklav:innen, freigelassene Sklav:innen, deren Nachkommen (in Freiheit geboren), wohlhabende people of colour, die selbst Sklav:innen hielten und sich mit den weißen Plantagenbesitzern verbrüderten - gleichzeitig aber nicht die gleichen Rechte wie jene genossen. Es gab Affranchies, die Sklav:innen ausnutzen, um ihre Kriege zu unterstützen und sie nach dem Sieg an “den weißen Mann” verraten. Es gab Affranchies, die ihr freies Leben riskierten, um Sklav:innen zu befreien und zu schützen. Gleichzeitig gab es neben den weißen “Pflanzern” auch mittellose weiße. Es gab auf beiden Seiten jene, die die Unabhängigkeit und jene, die weiterhin zu Frankreich gehören wollten (auch hier wechselten die Beweggründe oftmals im Verlauf der Zeit und waren nicht selten rein opportunistischer, eigennütziger Natur). Dazu kommen natürlich weitere Dimensionen wie Geschlecht, Sexualität und Stand. Vieux-Chauvet erschafft so eine ehrliche und realistische Ambivalenz und malt ein Bild der fatalen Widersprüche und Feindseligkeiten, die noch heute Haiti in ihren Klauen hält. Vieux-Chauvet ist leider bereits gestorben (1973 im Exil in den USA), hinterlassen hat sie der Welt fünf Romane und 2 Theaterstücke, die nun nach und nach ins Deutsche übersetzt werden. Dieses Buch erhielt ich von meiner lieben Mama zu Weihnachten. Es ist etwas ganz besonderes und ich habe sehr viel gelernt und entdeckt. Gerne möchte ich mehr von Vieux-Chauvet und auch zeitgenösserische Literatur aus Haiti lesen. Abseits der inhaltlichen Brillianz gefiel mir sehr, dass das Buch selbst etwas von einem Theaterstück hatte, mit vielen Protagonist:innen und Handlungsorten. Ab und an war es auch geschrieben wie ein Theaterstück mit Regieanweisungen. (“Madame Acquire stürmte herein.”) Das einzige, was meinen Lesefluss teilweise etwas behinderte, war die Verortung der Fußnoten ganz am Ende des Buches. Es gibt knapp 200 Stück, die zusätzliche Informationen zu den Personen und der Zeit zur Verfügung stellen und ich liebe so etwas. Durch die Organisation im Buch war ich dann viel mit vor- und zurück blättern befasst und hätte es lieber gemocht, wenn alle Fußnoten direkt unten in der jeweiligen Seite zu finden wären (wie in Babel z.B.). Eine ABSOLUTE LESEEMPFEHLUNG.

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