In den belebtesten Straßen Wiens findet man kleine billige Läden, schreibt Wilhelm Genazino in Der gedehnte Blick, über deren Eingang steht groß und breit das Wort ROMANE. Keine große Literatur gäbe es dort zu kaufen, fährt er fort, aber darauf käme es nicht an: Der Roman überlebt, weil er ein Begleitmedium des Lebens ist. Mit viel originellem Witz und Sprachgefühl schreibt Genazino über das Schreiben und die Dichtkunst als Lebensmittel -- etwa da, wo er angesichts des Schicksals von William Faulkner und Robert Musil über den Zusammenhang von literarischer Erfolglosigkeit und materiellem Unglück reflektiert oder Franz Kafka über die Schulter schaut, um ihn beim Lügen zu ertappen. Fünf Druckzeilen eines Kafka-Briefes an Felice Bauer genügen dem Büchner-Preisträger von 2004, um sechs mehr oder weniger auffällige Schwindeleien auszumachen -- und einen blendenden, wortgenauen Essay über den phantastischen Gehalt des Schriftstellerberufs anzuhängen. Darüber hinaus enthält Genazinos Sammelband Der gedehnte Blick unter anderem brillante Prosaminiaturen über Claude Simon, den Ort der Handlung in der Literatur, lachende Philosophen oder die Politik der Namen (und ihrer Veränderungen auf Straßenschildern). Prosaminiaturen kann man diese essayistischen Kabinettstückchen trotz ihres Inhalts nennen, denn Genazino überführt die hohe Kunst des Essays wieder zurück in Poesie. So ist Der gedehnte Blick (neben vielem anderen) nicht nur ein Buch über Literatur geworden, sondern selbst wieder ein Stück großer Literatur. Und das ist etwas, was hierzulande nur noch ganz wenigen Autoren gelingt. --Thomas Köster
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Der gedehnte Blick
von Wilhelm Genazino
In den belebtesten Straßen Wiens findet man kleine billige Läden, schreibt Wilhelm Genazino in Der gedehnte Blick, über deren Eingang steht groß und breit das Wort ROMANE. Keine große Literatur gäbe es dort zu kaufen, fährt er fort, aber darauf käme es nicht an: Der Roman überlebt, weil er ein Begleitmedium des Lebens ist. Mit viel originellem Witz und Sprachgefühl schreibt Genazino über das Schreiben und die Dichtkunst als Lebensmittel -- etwa da, wo er angesichts des Schicksals von William Faulkner und Robert Musil über den Zusammenhang von literarischer Erfolglosigkeit und materiellem Unglück reflektiert oder Franz Kafka über die Schulter schaut, um ihn beim Lügen zu ertappen. Fünf Druckzeilen eines Kafka-Briefes an Felice Bauer genügen dem Büchner-Preisträger von 2004, um sechs mehr oder weniger auffällige Schwindeleien auszumachen -- und einen blendenden, wortgenauen Essay über den phantastischen Gehalt des Schriftstellerberufs anzuhängen. Darüber hinaus enthält Genazinos Sammelband Der gedehnte Blick unter anderem brillante Prosaminiaturen über Claude Simon, den Ort der Handlung in der Literatur, lachende Philosophen oder die Politik der Namen (und ihrer Veränderungen auf Straßenschildern). Prosaminiaturen kann man diese essayistischen Kabinettstückchen trotz ihres Inhalts nennen, denn Genazino überführt die hohe Kunst des Essays wieder zurück in Poesie. So ist Der gedehnte Blick (neben vielem anderen) nicht nur ein Buch über Literatur geworden, sondern selbst wieder ein Stück großer Literatur. Und das ist etwas, was hierzulande nur noch ganz wenigen Autoren gelingt. --Thomas Köster
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