4.6

Anleitung ein anderer zu werden

von Edouard Louis, Sonja Finck

Format:Hardcover
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»Édouard Louis ist einer der präzisesten Beobachter der Gegenwartsliteratur, sein neuester Roman belegt das eindrucksvoll.«

Gegenwarts- & Literarische Fiktion
272 SeitenHardcover
Erschienen an: September 6, 2022

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Aktuelle Rezensionen(11)

4.6(129 ratings)
PatrickRezension von Patrick

Es liest sich wie ein Tagebuch und fühlt sich für mich dadurch zu jeder Zeit sehr aufrichtig an. Neben der klaren Sprache war das für mich die große Stärke dieses Buchs. Ich glaube viele von uns haben hier einen Roman gefunden, mit dem sie sich identifizieren können und der einer der „Must Reads“ einer Generation werden oder vielleicht schon sein könnte.

'ThushaRezension von 'Thusha

𝗠𝗜𝗧 𝗦𝗣𝗢𝗜𝗟𝗘𝗥 𝘈𝘯𝘭𝘦𝘪𝘵𝘶𝘯𝘨 𝘦𝘪𝘯 𝘢𝘯𝘥𝘦𝘳𝘦𝘳 𝘻𝘶 𝘸𝘦𝘳𝘥𝘦𝘯 hat mich auf eine Weise berührt, mit der ich nicht gerechnet hatte. Meine Kindheit war nicht dieselbe wie die von Édouard Louis. Wir waren ebenfalls arm, aber nicht in der existenziellen Form, die er beschreibt. Trotzdem fühlten sich viele seiner Gedanken und Gefühle erschreckend vertraut an. Nicht, weil sich unsere Erfahrungen eins zu eins gleichen, sondern weil Scham, das Gefühl des Andersseins und die Spuren, die soziale Herkunft im eigenen Körper und Denken hinterlässt, eine Sprache sprechen, die ich wiedererkannt habe. Besonders eindrücklich fand ich seine Beobachtungen darüber, wie Armut sich nicht nur in fehlendem Geld ausdrückt, sondern sich im Körper festsetzt – in Gewohnheiten, im Essen, im Verhältnis zu sich selbst. Die Vorstellung, dass der gegenwärtige Genuss oft wichtiger wird als die Fürsorge für das eigene Morgen, weil das Morgen ohnehin so ungewiss erscheint, hat mich tief nachdenklich gemacht. Auch wenn sich unsere Lebensrealitäten unterscheiden, habe ich darin vieles aus meiner eigenen Kindheit und Jugend wiedergefunden. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch die schonungslose Ehrlichkeit, mit der Édouard Louis auf sich selbst blickt. Er verschweigt weder seine Scham noch Gedanken, die ihn angreifbar machen oder ihn in keinem guten Licht erscheinen lassen. Gerade deshalb wirken sie so glaubwürdig. Besonders die Szene, in der seine Schwester nach sexueller Belästigung verstört zusammenbricht, während er selbst von dem LKW-Fahrer fantasiert, hat mich lange beschäftigt. Für mich war diese Stelle keine Verharmlosung des Missbrauchs, sondern vielmehr ein erschütterndes Zeugnis davon, wie sehr gesellschaftliche Unterdrückung und die Verdrängung der eigenen Sexualität das Innenleben eines Menschen prägen können. Seine Gedanken haben mich nicht abgestoßen – sie haben mich traurig gemacht. Ebenso tragisch empfand ich die Freundschaft mit Elena. Ich habe bis zuletzt gehofft, dass beide wieder zueinanderfinden würden. Ihr Verlust steht für mich sinnbildlich für den Preis des sozialen Aufstiegs. Das Buch zeigt eindrucksvoll, dass man nicht nur seine Herkunft verlassen kann, sondern dabei oft auch Menschen verliert, die untrennbar mit ihr verbunden sind. Es erzählt von dem schmerzhaften Zustand, zwischen zwei Welten zu stehen und sich irgendwann in keiner mehr wirklich zu Hause zu fühlen. Nicht jede Passage konnte mich gleichermaßen fesseln. Die wiederkehrenden Schilderungen seines wohlhabenden Umfelds wurden für mich stellenweise etwas langatmig. Ich verstehe ihren erzählerischen Zweck – sie verdeutlichen den Abstand zwischen alter und neuer Welt –, emotional blieben sie mir jedoch fremd. Das Ende hat mich schließlich tief getroffen. Es erzählt von einem Menschen, der seine Kindheit um jeden Preis hinter sich lassen wollte und erkennen muss, dass die Flucht vor der eigenen Herkunft keinen inneren Frieden garantiert. Gerade dieser Widerspruch hat mich sehr berührt. Auch ich habe meine Kindheit oft gehasst und ertappe mich dennoch dabei, mich nach der Unbeschwertheit des Kindseins zu sehnen. Nicht nach allem, was war, sondern nach dem Gefühl, noch nicht die Verantwortung für das eigene Leben tragen zu müssen. Vielleicht liegt genau darin die stärkste Gesellschaftskritik dieses Buches. Es erzählt nicht nur von Klasse, Armut oder sozialem Aufstieg. Es stellt auch die Vorstellung infrage, dass Erwachsensein automatisch Freiheit bedeutet. Für viele Menschen bringt es vor allem Verantwortung, Leistungsdruck und die ständige Aufgabe mit sich, funktionieren zu müssen. Der Versuch, ein anderer zu werden, kann ebenso befreiend wie zerstörerisch sein. An manchen Stellen hatte ich allerdings auch das Gefühl, dass Édouard Louis das Mitgefühl seiner Leser bewusst sucht. Das fiel mir auf, ohne dass es meinen Gesamteindruck wesentlich geschmälert hätte. Schließlich ist jede Autobiografie auch eine Form der Selbstdeutung. Dennoch blieb für mich stets spürbar, dass seine Offenheit nicht inszeniert wirkt, sondern aus dem ernsthaften Wunsch entsteht, sich selbst und seine Vergangenheit zu verstehen. 𝘈𝘯𝘭𝘦𝘪𝘵𝘶𝘯𝘨 𝘦𝘪𝘯 𝘢𝘯𝘥𝘦𝘳𝘦𝘳 𝘻𝘶 𝘸𝘦𝘳𝘥𝘦𝘯 ist für mich weit mehr als eine Autobiografie. Es ist eine eindringliche Reflexion über Scham, Herkunft, Identität und den Preis gesellschaftlicher Mobilität. Ein kluges, mutiges und zutiefst menschliches Buch.

edwinRezension von edwin

Edouard Louis nimmt uns mit in sein Innerstes, eindrucksvoll erzählt er uns von seinen Gefühlen, Intentionen und seiner Flucht aus dem Dorf in ein Leben als Schriftsteller. Es ist intensiv und schonungslos, für mich ein Re-read Kandidat, daher 5/5 Sterne !

manuelschmitzbxl Rezension von manuelschmitzbxl

Zuerst dachte ich, da versucht jemand, den Roman zur Theorie von Bourdieu über die feinen Unterschiede zu schreiben. Aber dann berührte Louis mich mit seiner Ehrlichkeit doch. Und am Ende wollte ich nur, dass seine Befreiung gelingt.

Eric Rezension von Eric

Édouard Louis wächst auf einem Dorf mit seinen Eltern & Geschwister in der Nähe von Paris auf. Er hat seine beste Freundin Elena, die aus einer wohlhabenden Familie stammt. Wenn es zu ungemütlich wird übernachtet Édouard bei ihr. Als er den Zulassungsbescheid für ein renommiertes Gymnasium erhält, fängt sein Leben erst richtig an. „Anleitung ein anderer zu werden“ von Édouard Louis befasst sich mit seiner eigenen Vergangenheit. Jedoch geht es nicht wie in seinem Debüt über die Herkunftsfragen, sondern welchen Preis muss ich zahlen um erfolgreich zu sein. Der Aufbruch aus dem Dorf nach Paris der größte Schritt & Befreiung in seinem Leben. In Bars reist er Männer auf, lässt keine Versuchung aus. Als er Geldnot hat muss er sich prostituieren. Immer wieder hat er Zweifel über sein tun. Wie weit muss ich gehen, um zu überleben? Er lernt Didier Eribon kennen, eine Freundschaft entwickelt sich & er beschafft ihm einen Job. Neue Hoffnungsblicke zwischen den Enttäuschungen die er in Paris erlebt. Gewalt & Homophobie gehört zum Alltag, obwohl in Paris das Schwulsein anerkannt ist. Der Zwang sich anpassen zu müssen ist ein stetiger Begleiter. Muss ich mich anpassen, um dazuzugehören? Er muss lernen Dinge als auch Menschen hinter sich zulassen, die unteranderen für ihn eine tiefsinnige Bedeutung haben. Der Roman ist in 4 Abschnitten unterteilt. Jeder Abschnitt steht für sich & richtet sich mitunter an einem anderen Gesprächspartner. Tiefsinnig sind die Gespräche.  Édouard Louis hat eine Autobiographie geschrieben, die sprachlich gut & nahbar erzählt ist. Es ist ein Roman auf der Suche nach seiner eigenen Identität & zeigt den Leser*innen die Seite der Verletzlichkeit. Eine Story über Fall & Erfolg im Leben, über Erreichen von Zielen & deren Schattenseiten. Hatte Louis Glück oder war es Zufall, dass er die Menschen kennenlernen durfte & heute da steht wo er ist? Es ist ein Text über die Selbstreflexion seines eigenen Lebens.

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