4.0

Adam im Paradies

von Rakel Haslund-Gjerrild, Andreas Donat

Format:Hardcover

Frederiksberg, 1913: Auf dem Höhepunkt seines Ruhms bereitet sich der 70-jährige Maler Kristian Zahrtmann darauf vor, sein Meisterwerk zu schaffen: Adam im Paradies. Ein sinnliches Glanzstück soll das Gemälde werden, überquellend vor Motiven, Farben und Symbolen, im Zentrum ein schöner nackter Mann. Während Zahrtmann das Atelier seiner Villa mithilfe exotischer Pflanzen in den Garten Eden verwandelt und den jungen Soldaten empfängt, der ihm als Aktmodell dient, gleiten seine Gedanken zurück in die Vergangenheit – zu rauschenden Zusammenkünften der Kopenhagener Décadence; nach Italien, wo er in Civita d’Antino eine Künstlerkolonie gründete; und nicht zuletzt zu seinem ehemaligen Schüler und Modell Hjalmar Sørensen, an dessen Anmut er sich durch den jungen »Adam« erinnert fühlt … In ihrem Roman lässt Rakel Haslund-Gjerrild den dänischen Meistermaler als Ich-Erzähler auftreten. In neun Kapiteln – allesamt nach Werktiteln aus Zahrtmanns Oeuvre benannt – zeichnet die Autorin in einer betörenden, kontemplativ-sinnlichen Sprache ein Porträt des Künstlers, das sowohl seiner lächelnden Wehmut als auch seinem feinen Humor Ausdruck verleiht. Die Erzählung wird durchbrochen von historischen Dokumenten über die Sittlichkeitsprozesse der Jahre 1906/07, als in Dänemark Homosexuelle verfolgt und einige (darunter der Schriftsteller Herman Bang) aus dem Land vertrieben wurden – ein ebenso subtiler wie genialer Kunstgriff, um Zahrtmanns nie eingestandene Homosexualität zu spiegeln, der aber nie das Sprachkunstwerk in den Hintergrund drängt, das Signatur und emotionaler Motor des Romans ist.

Historische Romane
328 SeitenHardcover
Erschienen an: October 19, 2022

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Aktuelle Rezensionen(1)

4.0(1 ratings)
JuliaRezension von Julia

Ein poetisches Smorgasbord und jeder der Lust auf ästhetische Literatur hat, sollte hier zu langen und die Beschreibungen von Blumen, Möbeln und Momenten genießen. Kristian Zahrtmann ist dazu eine süffisante, delikat-polemische Erzählstimme, die ich vielleicht nicht unbedingt sympathisch aber großartig fand. Er begleitet uns durch den Roman wie ein Mitreisender auf einem Urlaubsspaziergang. Was diesen Text hervorhebt, ist wie schlau Haslund-Gjerrild in dieses Gemälde kunstvoller Schönheit die gesellschaftliche Wirklichkeit der Homofeindlichkeit hineinstrickt. Dadurch erhält der Roman eine profunde Sozialkritik, die in bereicherndem Kontrast zur üppigen Erzählkunst steht. „Meiner alten Freundin Signora Cerroni tun wir leid, und so gar sie uns zum Trost und zur Aufmunterung sechs lange Kirschzweige geschenkt, die sie an die Stühle im Speisezimmer hat binden lassen. Hier sitzen wir nun wie drei Ritter mit unseren Kirschenwimpeln, die hinter uns in die Luft ragen. Es ist ein köstlicher Anblick. Als wären wir auf einen großen Baum geklettert und hätten einen gedeckten Tisch samt Lampe mit heraufgebracht. Hjalmar ist ein Habicht, und Poul gleicht einem Eichhörnchen, wenn man einmal davon absieht, dass er keine Nüsse isst, sondern große Stücke Rinderschulter.“ „Ich erröte - wäre ich eine Jungfrau, dann wäre das kleidsam, aber mit Moustache und meiner grobporigen Haut gleiche ich vermutlich eher einem schweinischen Bacchus.“ „Sie ist kein junger Trieb mehr, der sich biegen lässt und sogleich wieder hochschnellt, aber sie besitzt auch nicht die Ausdauer des Alters, den kräftigen Stamm gelebten Lebens, der richtigen, wenn auch schweren Entscheidungen, die man getroffen und an denen man festgehalten hat, bis das Holz so kräftig war, dass der Baum, wenn er fällt, mitsamt der Wurzel fällt. Frau Hessellund kann brechen.“ …editing für noch mehr Lieblingsstellen… „Über dem Küchentisch hingen die Sommerzwiebeln […]. Ja, welch ein Reichtum an Zwiebeln, dachte ich, als ich die raschelnde Reihe Zwiebel an Zwiebel an Zwiebel über dem verlassenen Küchentisch hängen sah, und mit einem jähen Anflug von Trauer ereilte mich das Gefühl, es sei mein Leben, das da hing, diese versierten Kräutergebinde, die getrockneten, mit Garn an ihren Strohfrauen Stängeln aufgehängten Zwiebeln, das weiße Fleisch, das ins weinen macht, gehüllt in eine von der Sonne gebräunte Haut, dünn wie brüchiges Pergament: die Sehnsucht wohlbewahrt wie weiße Zwiebeln in braunen hätten. Hier hängt mein Leben, dachte ich, Reihe an Reihe an Reihe getrockneter Zwiebeln.“ „Nachts ist es immer besonders schlimm; im Schock wacht man schweißgebadet auf, und wenn einem dann aufgeht, dass es kein Albtraum war, sondern die Verzweiflung über die eigene Einsamkeit, die einen aus dem Schlaf geweckt hat, dann ist es manchmal ganz unmöglich, weiterzuschlafen. Aber auch das ist ja nichts anderes als eine Art Nachtmahr. Als ich jünger war, ließ ich mich davon überwältigen, aber nun weiß ich aus Erfahrung, dass es mit der Zeit besser wird. Dass es hilft, zu schlafen. Morgen früh ist es vorüber. So ist es immer. Morgen ist die Angst vergessen, und der Tag beginnt voll Jubel und Arbeitsfreude. Es ist wie ein Fieberanfall der Nerven, überhitzte Gefühle, sage ich mir. Nachts verbrennt der Körper im Schlaf seinen Überschuss an Trauer, damit man am nächsten Tag wieder zupacken kann, aber erwacht man mitten während der Verbrennung, dann ist die Einsamkeit so entsetzlich, dass man einen Augenblick lang vergisst, dass die Nacht stets ein Ende hat und es wieder Tag werden wird mit Wirbel und Karussellen und Gaukelei.“ „Aber wenn man dann für ein Weilchen in seinem Gartensessel gesessen hat, grübelnd über Hjalmars Besuch und den Hang des Himmels zum Theatralischen, wird es Zeit aufzustehen und zum Eigentlichen zurückzukehren. Heute habe ich meine Waschschüssel versilbert und mir Orangen gefüllt; das sieht sehr hübsch aus.“ „[…] und in diesem Augenblick begreife ich, dass die Welt brüllen würde anstatt zu lachen, wäre ich nicht mein Leben lang darauf bedacht gewesen, sie mit zwei lustigen Tanzschritten und einer Narrheit aus dem Takt zu bringen.“

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