3.9

Das wirkliche Leben: Roman

von Adeline Dieudonné

Format:Hardcover

Die namenlose Ich-Erzählerin ist zehn Jahre alt, ihr Bruder Gilles sechs. Über fünf Sommer verfolgt der atemlos gebannte Leser ihren Überlebenskampf in einer grauen Siedlung in den 1990er-Jahren, einem Haus voller Gewalt mit einer durchsichtigen Amöbe als Mutter und einer Hyäne als Vater, der sich mit Whiskey allzu oft in einen Blutrausch säuft. Mittendrin passiert ein Unfall, für den sich das Mädchen die Schuld gibt und an dem sein kleiner Bruder zu zerbrechen droht. Um es ungeschehen zu machen und ihn zu schützen, widmet es seine ganze Kraft den Naturwissenschaften, in der trügerischen Hoffnung, mit einer Zeitreise alles wieder gut zu machen, um das wirkliche Leben und nicht nur eine falsche Skizze zu leben. - Mit einer Sprachgewalt im doppelten Sinne und einer ausserordentlichen Intensität fesselt die Geschichte ab dem 1. Satz. Dieudonné (Jahrgang 1982) erzählt diesen Coming-of-Age-Roman so, dass er einen wie ein Fieber packt und erst wieder loslässt, wenn es zu Ende ist. In Frankreich bereits mehrfach ausgezeichnet, wird er sicherlich auch in Deutschland von sich reden machen. Unbedingt kaufen!

Literary & Contemporary Fiction
Hardcover
Erschienen an: 2020-04-24

Was ist bookie?

  • Gratis Lieferung in Deutschland
  • Finde Bücher die zu dir passen
  • Tracke dein Leseverhalten und setze dir Ziele
  • Connecte dich mit anderen Leser*innen

Aktuelle Rezensionen(4)

3.9(46 ratings)
AlexandraRezension von Alexandra

Das, was der Hauptprotagonistin und ihrem Bruder am Anfang widerfährt, ist heftig und hinterlässt tiefe Spuren. Besonders der kleine Bruder verfällt nach dem traumatischen Erlebnis in eine Schockstarre und verliert sein „Milchzahnlächeln“. Die Schwester möchte ihn um jeden Preis zurückhaben und ist besessen von der Idee, eine Zeitmaschine zu bauen, um das Geschehene ungeschehen zu machen. Doch sie muss nicht nur für ihn kämpfen, sondern auch für sich selbst, denn ihr gewalttätiger Vater bleibt eine ständige Bedrohung. Beim Lesen habe ich oft den Atem angehalten. Manche Stellen gehen sehr nahe, und einige Passagen sind wirklich schwer zu ertragen. Ich finde sowieso, dass es immer eine Grenzerfahrung ist, wenn Kinder oder Tiere in Büchern Opfer von psychischer oder physischer Gewalt werden. Hier kommt beides vor, und ich hatte oft einen Kloß im Hals. Trotzdem schafft es die Autorin, einen kleinen Keim der Hoffnung zu pflanzen, sodass man beim Lesen darauf hoffen kann, dass sich am Ende alles zum Guten wendet und das Böse besiegt wird. Ein empfehlenswerter Roman, der nichts für schwache Nerven ist, aber gut geschrieben und intensiv zu lesen.

Priya Rezension von Priya

3,5 ⭐

Anne 🌿Rezension von Anne 🌿

Dieses Buch ist eine absolute Wucht! Kindliche Unschuld ruiniert durch einen winzigen Moment, der jegliche Konstellationen des Lebens auseinanderreißt und der ungezähmten Wut im Inneren somit immer mehr Raum gibt. Das Ende hat mich dann ebenfalls nochmal an die Wand starren lassen… Absolutes Jahreshighlight!

JuliaRezension von Julia

Der Vater liebt Whisky und Fernsehen, die Mutter liebt ihre Haustiere ... und die Kinder bleiben außen vor. Die namenlose Ich-Erzählerin blickt zurück auf eine Zeitspanne ihres Lebens, die beginnt, als sie zehn Jahre alt und ihr kleiner Bruder Gilles ihre ganze Welt ist. Die beiden sind aufgrund des zerrütteten Elternhauses eng miteinander verbunden. Um dem psychischen und physischen Terror zu entgehen, den der Vater an seiner Familie auslebt, halten sie sich viel in ihrem Viertel auf und spielen gemeinsam. Doch eines Tages müssen sie einen schrecklichen Vorfall miterleben und Gilles zieht sich immer mehr in sich zurück. Den seelischen Verfall des Jungen bemerkt nur seine Schwester und sie nimmt sich vor, ihn zu retten. Wir verfolgen ihr Leben über fünf Sommer hinweg und erleben ihre Entwicklung vom Kind zur jungen Frau. Sie fasst Selbstbewusstsein, wird immer stärker und selbstständiger und beginnt, sich aus ihrem bedrückenden Leben herauszukämpfen. Alle Charaktere sind unheimlich authentisch gezeichnet, nur die Protagonistin benahm sich für mein Empfinden an mancher Stelle zu reif für ihr Alter, an anderer Stelle zu unreif. Später, als sie zu einer Jugendlichen heranwächst, bessert sich das. Zum Teil ist dieser Eindruck der frühen Reife auch der Tatsache geschuldet, dass die Geschichte rückwirkend erzählt wird. Besonders gefällt mir die Mutter, die keinerlei Kraft besitzt, für sich selbst einzustehen, geschweigedenn für ihre Kinder, und ihre Unfähigkeit, eine gute Mutter zu sein, kompensiert, in dem sie die wenige Leidenschaft, die aufbringen kann, in ihre Haustiere und den Tierschutz steckt. Der Vater wirkt trotz all der Grausamkeit, mit der er seiner Familie begegnet, dennoch wie ein Mensch. Keine Figur ist hier schwarz-weiß gezeichnet. Selbst die Hauptperson tut Dinge, die moralisch betrachtet diskussionswürdig sind, dennoch folgte ich ihr gerne durch ihre Geschichte. Ich konnte immer nachvollziehen, warum sie so handelt, wie sie handelt, völlig egal, wie ich persönlich dazu stehe. Die Autorin hat oberflächlich betrachtet einen einfachen, gut zu lesenden Schreibstil, der aber mit vielen großartigen Stilmitteln gespickt ist. Sie verwendet tolle Symbolik und treffende Metaphern und hat ein feines Gespür dafür, Gefühle und Details auf den Punkt zu bringen und Atmosphäre zu beschreiben. Das Ende gestaltet sich ein wenig anders, als ich es erwartet hatte, aber es ist ein passender Abschluss für diese Geschichte. Wer mit expliziter Gewaltdarstellung gegen Mensch und Tier nicht umgehen kann, sollte die Finger hiervon lassen. Ich aber bin überzeugt von diesem Werk und meine kleinen Kritikpunkte bringen mich nicht davon ab, »Das wirkliche Leben« von Adeline Dieudonné mit 5 Sternen zu bewerten.

Ähnliche Bücher